Die Russische Orthodoxe Kirche zwischen Patriotismus und Nationalismus

aus OWEP 1/2010  •  von Katja Richters

Die Autorin ist promovierte Politikwissenschaftlerin und hat z. Zt. eine Postdoktorandenstelle im Fachbereich Religionswissenschaft an der Universität Erfurt inne.

I.

Seit den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) oft mit dem russischen Nationalismus in Verbindung gebracht worden. Die Orthodoxie zählt, wie Umfragen deutlich belegen, zu den Hauptkomponenten der nationalen russischen Identität. Zwar glauben nur ca. 30 Prozent der Russen an Gott, jedoch identifizieren sich bis zu 80 Prozent mit der Orthodoxie und dem Moskauer Patriarchat. Dadurch wird deutlich, dass die Orthodoxie weniger als Religion und mehr als ein Merkmal russischer Ethnizität angesehen wird. Die ROK hat diese Tendenz aktiv unterstützt. So ließen einige Kleriker durchblicken, dass sie alle ethnischen Russen als Mitglieder ihrer Kirche betrachten. 2002 traf das Moskauer Patriarchat den offiziellen Beschluss, dass eine Person schon von Geburt an orthodox sein könne, ohne jemals getauft worden zu sein. Außerdem haben sich in der russischen Gesellschaft zum Teil extrem nationalistische Gruppen formiert, die orthodoxe Symbole und Ideale für die Begründung ihrer politischen Ziele und Aktivitäten benutzen bzw. zweckentfremden. Von der Soziologin Anastasia Mitrofanowa, die sich genauer mit dieser Thematik beschäftigt hat, werden sie politisch Orthodoxe („political orthodox“) genannt.1

Zu ihnen gehören Organisationen wie z. B. der Verbund der Orthodoxen Bruderschaften, die National-Patriotische Front „Pamjat“ („Erinnerung“) und der auch in Westeuropa bekannte nationalistische Politiker Alexander Dugin. Obwohl die Mehrheit dieser zum Teil sehr unterschiedlichen Gruppen nur wenige Mitglieder hat, ist die Öffentlichkeit aufgrund ihrer Radikalität auf sie aufmerksam geworden. Allerdings muss betont werden, dass ihre Beziehung zur ROK oft sehr problematisch ist. Da viele politisch Orthodoxe radikale Veränderungen in Russlands Staat und Gesellschaft anstreben, halten sie die Kirche für unzureichend revolutionär bzw. zu regimetreu. Das Moskauer Patriarchat hingegen hat verlauten lassen, dass die politisch Orthodoxen keine wahren Anhänger ihrer Religion wären, weil sie ihre eigene Form der Orthodoxie lebten und den Anweisungen der Kirchenleitung nicht genügend Folge leisteten.

II.

Wie genau gestaltet sich nun das Verhältnis zwischen der ROK und dem Nationalismus? Um diese Frage beantworten zu können, muss man zwischen Patriotismus und Nationalismus unterscheiden. Das Wort „Patriotismus“ beschreibt einen Nationalstolz, der in Russland mit einem Stolz auf die kulturelle und ethnische Vielfalt des Landes einhergeht. Er hat also im Gegensatz zum Nationalismus keine starke ethnische Komponente und schürt dementsprechend auch keinen Hass auf andere Ethnien oder Nationalitäten. Ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Westen, besonders den USA, ist ein Merkmal, das der Patriotismus mit dem Nationalismus gemein hat. Letzterer zeichnet sich durch antisemitische und seit einigen Jahren auch antiislamische Elemente aus. Russische Nationalisten sind der Ansicht, dass ihr Land von zahlreichen mächtigen und hinterlistigen Feinden umgeben sei, gegen die es sich unter Umständen mit Gewalt wehren müsse. Weiterhin definiert sich der Nationalismus durch den Glauben, dass Gott Russland eine besondere Mission in der Welt gegeben habe und Moskau das „Dritte Rom“, also eine heilige, politisch starke und ewige Stadt, sei. Dies führt zu einem Chauvinismus, der sich u. a. dadurch äußert, dass der Ukraine und ihrer Kultur die Existenzberechtigung abgesprochen und für ihre Anbindung an Russland argumentiert wird.

Welche Haltung vertritt nun die ROK? Das Moskauer Patriarchat ermutigt seine Anhänger, patriotische Gefühle zu zeigen, und tut dies auch selbst. Gleichzeitig gibt es offizielle Dokumente, in denen sich die Kirche stark vom Nationalismus distanziert. In der Realität stellt sich das Verhältnis zwischen der ROK und dem Nationalstolz sowohl in seiner gemäßigten als auch in seiner extremen Art allerdings etwas komplizierter dar. In der ersten Hälfte der neunziger Jahre sorgte Metropolit Ioann (Snytschew) von Sankt Petersburg und Ladoga für Aufsehen, da unter seinem Namen eine Vielzahl von extrem nationalistischen, fremdenfeindlichen, antiwestlichen und antisemitischen Schriften veröffentlicht wurde. Der Metropolit vertrat die Ansicht, dass sich Juden, Freimaurer und „der Westen“ gegen Russland verschworen hätten und mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchten, das Land zu ruinieren bzw. von der Landkarte zu streichen. In seinen Veröffentlichungen bezog er sich regelmäßig auf die „Protokolle der Weisen von Zion“, ein fiktives Pamphlet aus der späten Zarenzeit, das von Antisemiten als Beweis für eine jüdische Weltverschwörung angesehen wird.

Die Meinung des Metropoliten gewann dadurch an Brisanz, dass er bis zu seinem Tod Mitglied der Heiligen Synode der ROK war und somit beträchtliche Macht im Moskauer Patriarchat hatte. Um der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass die Kirchenleitung Ioanns Ansichten nicht teilte, veranlasste der damalige Patriarch Alexij II., dass die Artikel des Metropoliten nicht mehr in den Kirchenmedien veröffentlicht wurden. Obwohl sich die Kirche als Institution hierdurch von einem nationalistischen Würdenträger distanzierte, steht die Antwort des derzeitigen Patriarchen und seiner Bischöfe in keinem Verhältnis zu der Reaktion, die sie dem liberal gesinnten Priester Gleb Jakunin entgegen brachten. Als sich Jakunin 1993 als Kandidat für eine christdemokratische Partei aufstellen lassen wollte, wurde er seines Priesteramts enthoben, weil sein Vorhaben den Regeln des Moskauer Patriarchats widersprach. Vor seiner Amtsenthebung lieferten sich der Priester und der Patriarch heftige Wortgefechte in den öffentlichen Medien. Dies erweckte den Anschein, dass die ROK rechtsradikales Gedankengut mehr toleriere als liberales.

Seit dem Tod von Metropolit Ioann (1995) sind die nationalistischen Stimmen innerhalb der Kirche leiser geworden, aber nicht gänzlich verstummt. So befinden sich auf der Webseite der Abteilung des Moskauer Patriarchats für die Zusammenarbeit mit den Streitkräften und den Einrichtungen des Rechtsschutzes (http://www.pobeda.ru) viele patriotische Aussagen, von denen einige stark an Nationalismus grenzen. Besonders ausgeprägt sind hierbei die antiwestlichen und panslawistischen Elemente, die z. B. in den Beschreibungen des Zweiten Weltkrieges und der Jugoslawien-Kriege zum Ausdruck kommen. In einem Artikel wird behauptet, die sowjetische bzw. russische Zivilisation sei aufgrund ihrer Religiosität und ihres Idealismus der westlichen Zivilisation überlegen gewesen, was sich im Sieg der UdSSR im Zweiten Weltkrieg widerspiegele, der mit Hilfe Gottes errungen wurde.2 Außerdem äußert die Abteilung die Ansicht, die Angriffe der amerikanischen und britischen Armeen auf das von den Nationalsozialisten besetzte Serbien hätten nicht hauptsächlich Hitlers Einrichtungen gegolten, sondern den orthodoxen Kirchen, Klöstern und Einrichtungen. Ähnliches wird für die Angriffe der NATO auf Serbien 1999 behauptet.3

III.

Misstrauen gegenüber dem Westen ist unter den Klerikern und den Gläubigen der ROK weit verbreitet. Dieses spiegelte sich besonders in der Kampagne des Moskauer Patriarchats für eine Änderung des russischen Religionsgesetzes wider, die 1997 von Erfolg gekrönt war. Die Kirche stützte ihre Argumentation u. a. auf die Annahme, dass katholische und protestantische Missionare aus Westeuropa und Nordamerika die moralischen und kulturellen Werte der russischen Gesellschaft untergraben und der ROK „ihre“ Anhänger „stehlen“ würden. Oft wurde dabei wenig zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen unterschieden, viele von ihnen wurden als Sekten abgestempelt. Obwohl die Gesetzesänderung vor mehr als zehn Jahren in Kraft getreten ist, hat das Moskauer Patriarchat seinen Kampf gegen die so genannten Sekten bislang weitergeführt.

Auch Patriarch Kyrill I. hält an dieser Linie fest, scheint jedoch nationalistischen Tendenzen innerhalb der ROK kritisch gegenüber zu stehen. So gehörte er zu den Hauptautoren der „Grundlagen der Sozialkonzeption“ aus dem Jahre 2000, in der sich die Kirche grundsätzlich gegen den Nationalismus ausspricht; im zweiten Kapitel „Kirche und Nation“ ist festgehalten, dass „nationale Gefühle Anlass zu sündhaften Erscheinungen geben (können), wie aggressivem Nationalismus, Xenophobie, nationaler Auserwähltheit sowie interethnischer Feindschaft … Der orthodoxen Ethik widerspricht jede Einteilung der Völker in bessere und schlechtere wie auch die Herabwürdigung jeglicher ethnischer oder bürgerlicher Nation“.4 Außerdem bezeichnete Kyrill I. in einem im März 2007 gegebenen Interview mit der russischen Zeitung „Rossiiskaja Gaseta“ den Nationalismus als eine Krankheit und erklärte, dass er es für normal halte, dass sich die Völker vermischten und internationale Grenzen überschritten. Gleichzeitig warnte er aber auch vor den Konsequenzen ungehemmter Migrationsflüsse. Seiner Meinung nach könne zu viel Zuwanderung die nationale Kultur eines Landes schwächen, sodass es nötig wäre, für die Eingliederung der Zuwanderer in die Gesellschaft und Religion des Gastgeberlandes zu sorgen. Außerdem müsse die Kultur und die Toleranz der Gastgebergesellschaft durch die Erziehung an staatlichen Schulen gestärkt werden. Dieses solle in der Form des Faches „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ (Osnowy Prawoslawnoij Kultury) geschehen. Hier wird wieder die Unterscheidung zwischen Patriotismus und Nationalismus deutlich: Es ist akzeptabel, wenn ein Volk auf seine Kultur stolz ist und sie erhalten will, aber dies sollte nicht zu Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit führen.

Auch seit seiner Wahl zum Patriarchen hat sich Kyrill für die „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ eingesetzt. Es wird bereits seit 2004 als Wahlfach an einigen staatlichen Schulen, besonders im Westen Russlands, unterrichtet. Ursprünglich wollte die ROK das Bildungsministerium überzeugen, die „Grundlagen“ zu einem Pflichtfach zu machen. Sie stieß dabei aber auf so heftigen Widerstand, dass sie sich mit der heutigen, abgeschwächten Form zufrieden geben musste. Einer der Gründe für diesen Widerstand war der Inhalt des von Alla Borodina verfassten Lehrwerks und anderer Unterrichtsmaterialien. In dem für das Fach vorgesehenen Buch ist zu lesen, dass die Orthodoxie heutzutage die perfekteste Religion sei, dass Russen von Natur aus orthodox seien und sich Anhänger anderer Religionen manchmal schlecht benähmen. Außerdem wurden antisemitische und antiislamische Elemente in dem Lehrwerk gefunden. Obwohl ein Gericht in Moskau 2002 urteilte, dass diese nationalistischen Aussagen aus dem Lehrwerk entfernt werden müssten, ist das Buch kaum überarbeitet worden und wird derzeit in seiner unveränderten Form für den Unterricht benutzt. Kyrill hat sich im Februar 2009, kurz nach seiner Wahl zum Patriarchen, öffentlich von den unangemessenen Formulierungen distanziert. Es bleibt allerdings abzuwarten, ob er das Lehrwerk umschreiben lassen oder sonstige Veränderungen an den „Grundlagen der orthodoxen Kultur“ veranlassen wird.

IV.

Kyrills Aufmerksamkeit gilt hauptsächlich der Außenpolitik und der globalen Wirtschaftskrise, die auch in Russland eine Vielzahl von Problemen verursacht hat. In den letzten sechs Monaten ist der Patriarch sowohl im Inland als auch im Ausland viel gereist: Er besuchte u. a. Sankt Petersburg, Archangelsk, Rostow am Don, Weißrussland und Aserbaidschan. Seine wichtigsten Reisen führten ihn die Türkei im Juni und in die Ukraine im Juli/August 2009. In Istanbul war Kyrill Gast des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. und konnte dort die Beziehungen zwischen der ROK und dem Patriarchat von Konstantinopel verbessern, die in den letzten Jahrzehnten aufgrund von Jurisdiktionsstreitigkeiten sehr angespannt gewesen waren. Unter anderem konnten das Moskauer und das Konstantinopler Patriarchat eine Regelung über die Organisation orthodoxer Strukturen in der Diaspora treffen. Damit hat die ROK ihre bisherige kühl-distanzierte Haltung gegenüber dem Ökumenischen Patriarchat abgelegt. Diese Kooperationsbereitschaft lässt zugleich hoffen, dass sich auch die Beziehungen zum Vatikan nachhaltig verbessern werden. Optimistisch könnte man es auch so deuten, dass die russische Kirche anfängt, sich aus ihrer selbst auferlegten Isolation zu lösen, und so zu einen Vorbild für andere russische Organisationen werden kann, indem sie ihnen ein Beispiel für mehr Offenheit gegenüber internationalen Institutionen und für eine weniger chauvinistische Politik gibt.

Weitere Anzeichen für diesen relativ neuen Trend waren auch während Kyrills Reise in die Ukraine zu beobachten. Nationalistisch gesinnte Ukrainer wie auch einige Geistliche und Anhänger der Kirchen, die sich Anfang der neunziger Jahre in der Ukraine vom Moskauer Patriarchat abgespalten hatten, behaupteten, Kyrill besuche die Ukraine mit der Absicht, sie für Moskau zu „erobern“; Leute, die sich mit der Situation der orthodoxen Kirche in der Ukraine auskennen, hatten diese Vorwürfe schon im Vorhinein erwartet, denn sie wurden bereits zu Lebzeiten Alexij II. laut, obwohl dieser das Land 18 Jahre lang gemieden hatte und im Sommer 2008 eher notgedrungen nach Kiew gereist war. Die genannten Vorwürfe ließen sich jedoch durch den Ablauf der „Pilgerfahrt“, wie das Moskauer Patriarchat Kyrills Reise nannte, nicht bekräftigen.

Während seines zehntägigen Aufenthalts besuchte Kyrill die Klöster des Landes, die einige der wichtigsten Heiligtümer der russischen Orthodoxie darstellen. Er sprach mit den ihm folgenden Pilgern nicht nur auf russisch, sondern auch auf ukrainisch und nannte Kiew nicht wie üblich die „Mutter aller russischen Städte“, sondern die „südliche Hauptstadt der russischen Orthodoxie.“ Dieser neue Ausdruck verdeutlicht, dass das Moskauer Patriarchat im Begriff ist, seine politische Linie gegenüber der Ukraine zu ändern, und im Augenblick einen weniger traditionellen bzw. weniger chauvinistischen Kurs fährt. Außerdem hielt die Heilige Synode der ROK unter der Leitung des Patriarchen zum ersten Mal eine Sitzung im Kiewer Höhlenkloster ab. Hierdurch wurde zwar die religiöse Zugehörigkeit der Ukraine zu Russland unterstrichen, aber die Sitzung bestätigte auch, dass die Kirchenleitung das Land und seine Heiligtümer schätzt und sie für wichtige Anlässe nutzt. Kyrills Anwesenheit in der Ukraine kann ähnlich gedeutet werden.

Des Weiteren betonte der Patriarch seine Unabhängigkeit von der russischen Regierung dadurch, dass er sich mit dem ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko traf. Seit Mitte 2009 ist in den russisch-ukrainischen Beziehungen eine neue Eiszeit ausgebrochen, die zur Folge hat, dass der Kreml jegliche Kontakte mit Juschtschenko meidet und derzeit keinen Botschafter in Kiew hat. Während Kyrills Treffen mit dem ukrainischen Staatsoberhaupt sprach letzterer die heikle Frage der kanonischen Unabhängigkeit der orthodoxen Kirchen in der Ukraine an. Der Präsident hatte seit seinem Amtsantritt versucht, eine international anerkannte Ukrainische Orthodoxe Kirche ins Leben zu rufen in der Hoffnung, dass dadurch die politische und kulturelle Unabhängigkeit des Landes gefestigt würde. Dazu benötigt er nach wie vor das Einverständnis des Moskauer Patriarchats, das Kyrill I. ihm während des Treffens jedoch verweigerte. Das russische Kirchenoberhaupt argumentierte, nur ein kleiner Teil der ukrainischen Geistlichkeit wolle sich von der ROK trennen; außerdem sei das Thema der kanonischen Unabhängigkeit (Autokephalie) überpolitisiert. Diese Antwort war zu erwarten, da die Ukraine für das Moskauer Patriarchat aus historischen, kulturellen, wirtschaftlichen und strategischen Gründen zu wichtig ist, um sie in die Autokephalie zu entlassen. Nationalistische Aspekte spielen bei dieser Haltung des Patriarchen sicher eine Rolle, aber es nicht zu leugnen, dass nur ein kleiner Teil der ukrainischen Geistlichkeit wirklich in die Autokephalie entlassen werden möchte, auch wenn dazu keine genauen Angaben vorliegen. Jedoch beheimatet die Ukraine mehrere hochrangige orthodoxe Kleriker, die keinen Zweifel an ihrer Loyalität zu Moskau zulassen und sich lautstark gegen eine eventuelle kanonische Unabhängigkeit ihrer Kirche wehren. Für sie ist Russland der Ukraine in jeder Hinsicht überlegen – Moskau ist für sie das „Dritte Rom“, von dem sie sich nicht trennen wollen.

Indem sie die Vorherrschaft über die ukrainische Orthodoxie behält, tut die russische Kirchenleitung diesen zum Teil extremen Nationalisten einen Gefallen. Allerdings hat Kyrill während seiner Pilgerfahrt den Nationalismus bzw. Faschismus erneut kritisiert. In einem Auftritt bei dem ukrainischen Fernsehsender „Inter“, der von vielen Zuschauern verfolgt wurde, beschrieb er das Hitler-Regime als menschenverachtend. Außerdem ist der Patriarch auch auf die mehr pro-ukrainisch gesinnten Geistlichen zugegangen, indem er sowohl ukrainisch als auch russisch gesprochen hat. Er betonte damit den übernationalen Charakter der ROK, dessen Grundzüge bereits unter Alexij II. gelegt wurden.

V.

Ein Gemisch aus Nationalismus und Internationalismus ist auch in den Äußerungen des Moskauer Patriarchats über die weltweite Wirtschaftkrise zu finden. Ein Gremium von Wirtschafts- und Ethikexperten hat dazu eine Stellungnahme verfasst, die die Heilige Synode im Juli 2009 offiziell verabschiedete. In diesem Dokument betont die Kirche, dass die derzeitige Krise nicht nur eine systemische und wirtschaftliche, sondern auch eine Werte- und Weltanschauungskrise sei. Ihrer Meinung nach ist sie hauptsächlich durch „die dominante politische und ökonomische Kultur, in der das gierige Streben nach materiellem Wohl-stand, Komfort und Unterhaltung wichtiger ist als das Individuum und die Gesellschaft“5, entstanden. Es ist bemerkenswert, dass Kyrill und seine Bischöfe nicht in erster Linie mit dem Finger auf die USA zeigen (wie Putin es tut), sondern kulturelle und religiöse Zustände für die derzeitigen Probleme verantwortlich machen.

Als Lösung für die derzeitigen Probleme schlägt die ROK vor, mehr Gerechtigkeit, Effizienz und soziale Solidarität in das Wirtschaftssystem zu integrieren. Nach Ansicht des Moskauer Patriarchats habe Russland aufgrund seiner Kultur die besten Voraussetzungen dafür, ein Vorbild bei der Erschaffung eines solchen Wirtschaftssystems zu sein. Hier vermischt sich also Misstrauen gegenüber den USA mit russischem Nationalstolz. Es kommt allerdings kein Protektionismus auf, der zu Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten nicht unüblich ist. Insgesamt werden in der Stellungnahme die moralischen und übernationalen Aspekte der Krise betont und nur gelegentlich von patriotischen Aussagen begleitet.

Abschließend kann gesagt werden, dass die ROK auch unter Kyrill I. dem Patriotismus durchaus zuspricht. Auch lassen sich regelmäßig nationalistische Elemente unter den Geistlichen finden, die aber seit dem Tod des Metropoliten Ioann von Sankt Petersburg und Ladoga ihren Ursprung nicht mehr in den höchsten Reihen des Moskauer Patriarchats haben. Die oberste Kirchenleitung bemüht sich zusehends, moderat aufzutreten und somit die nationalistischen Tendenzen in anderen Bereichen der Kirche auszugleichen. Da der Übergang vom Patriotismus zum Nationalismus aber unklar definiert ist, gelingt es den höchsten Würdenträgern nicht, ihre Organisation ganz vom Nationalismus zu befreien. Außerdem leisten die oben erwähnten nationalistisch eingestellten Kleriker dem Moskauer Patriarchat aus verschiedensten Gründen gute Dienste, sodass ihnen ein gewisser Freiraum zugestanden wird. Liberale oder kosmopolitische Kleriker wie Gleb Jakunin gibt es in den Reihen der ROK so gut wie gar nicht mehr.


Fußnoten:


  1. Anastasia Mitrofanowa: The Politicization of Russian Orthodoxy. Actors and Ideas. Stuttgart 2005. 

  2. Vgl. A. Krawtschenko: Duchovnye korni pobedy pod Stalingradom (Quelle: http://www.pobeda.ru/content/view/1344/21; letzter Zugriff: 04.02.2010; Link mittlerweile inaktiv). 

  3. Vgl. http://www.pobeda.ru/content/view/2437 und http://www.pobeda.ru/content/view/2438 (letzter Zugriff auf beide Links: 04.02.2010; Links mittlerweile inaktiv). 

  4. Vgl. die Ausführungen von Jennifer Wasmuth in diesem Heft, besonders S.26-29 (der gedruckten Ausgabe). Das Zitat aus dem Dokument findet sich in deutscher Übersetzung bei Josef Thesing/Rudolf Uertz (Hrsg.): Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Sankt Augustin 2001, S. 19 f. 

  5. „The Expert Council on Economy and Ethics under The Patriarch of Moscow and all Russia. Statement on the Global and Financial Crisis” (27. Juli 2009); Quelle: http://www.mospat.ru/en/2009/07/27/news3801/ (letzter Zugriff: 03.03.2015).