Die Deutschen in der Geschichte der baltischen Länder

aus OWEP 1/2006  •  von Michael Garleff

Prof. Dr. Michael Garleff ist apl. Professor für Neuere Geschichte mit dem Schwerpunkt Baltische Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

Das Gebiet der heutigen Staaten Estland und Lettland1 wurde spätestens seit dem 12. Jahrhundert von den allgemeineuropäischen Strömungen des aufblühenden Fernhandels, der planmäßig betriebenen Mission und der deutschen Siedlungsbewegung nach Osten erfasst. Vom Einzug der christlichen Mission im 13. Jahrhundert bis zu ihrer Umsiedlung 1939 waren es dabei immer wieder baltische Deutsche, von denen die Entwicklung dieser Region2 entscheidend mitgeprägt wurde.

Christianisierung und Bildung der altlivländischen Konföderation

Bereits im Jahr 1180 schloss sich in Lübeck der Segeberger Domherr Meinhard Kaufleuten an und gelangte an die Düna. Den schließlich erforderlichen militärischen Schutz der Christianisierung organisierte der 1199 zum Bischof von Livland geweihte Bremer Domherr Albert von Buxhoeveden, der sein Missionswerk an die Autoritäten des deutschen Königs und des Papstes band. Dieser weihte Livland der Jungfrau Maria und stellte die Bekehrungsfahrten ritterlicher Kreuzfahrer den Kreuzzügen gleich. Bischof Albert gründete außerdem 1201 an der Düna die Stadt Riga, nach Lübeck die älteste deutsche Stadtgründung an der Ostsee. Mit der Bekehrung zum lateinischen Christentum, mit den Verbindungen zur mitteleuropäischen Region in sprachlicher, rechtlicher und kultureller Hinsicht entwickelte sich mit Altlivlands lockerem Staatenbund aus fünf geistlichen und weltlichen Territorien hier im nordöstlichen Europa eine ähnliche Struktur wie jene des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation. Im Unterschied zu Preußen wurden im Baltikum jedoch auf dem flachen Land keine deutschen Bauern angesiedelt – hier bildeten die Deutschen in ihrer Streusiedlung nur eine dünne Oberschicht. Die estnischen und lettischen Bauern gerieten langfristig in wachsende Unfreiheit, wenn sie sich auch ihre ethnische Substanz erhalten konnten und nicht assimiliert wurden.

Wirkungen der Reformation

Über die Städte erreichte im 16. Jahrhundert die lutherische Reformation Livland, wo sie sich früh durchsetzte. Seit 1561 stand das Baltikum unter wechselnden fremden Oberherrschaften. Nach diesem Umbruch setzten sich hier aber auch Bestrebungen durch, die Bevölkerung durch Übersetzungen geistlicher Literatur in die Muttersprachen fester im Christentum zu verankern. Deutschbal-tische Pastoren wandten sich aus seelsorgerischer Verantwortung den Volkssprachen zu. Das hatte die Entwicklung von Schriftsprachen zur Folge, denn für die bis dahin in zahlreiche Dialekte aufgesplitterten einzelnen Sprachen des Baltikums mussten eine normierende Grammatik und Wörterbücher entwickelt werden, was von erheblicher Bedeutung für die gesamte Kultur- und Bildungsarbeit und speziell für den Ausbau des estnischen und lettischen Volksschulwesens werden sollte. Diese volkssprachliche Schriftkultur und die Alphabetisierung der Landbevölkerung generell unterschieden bis in die Neuzeit hinein die baltische Region von anderen osteuropäischen, zumal russischen Regionen erheblich.

Leibeigenschaft, Aufklärung und Bauernbefreiung

Seit 1710 gehörten Est- und Livland, seit 1795 auch Kurland zum Zarenreich, erhielten sich aber die so genannten Privilegien – deutsches Verwaltungs- und Rechtswesen, deutsche Sprache, protestantische Religion. In der besonderen Form des Landesstaates verwirklichten deutschbaltische Ritterschaften und Städte unter russischer Oberhoheit ihre bereits früher errungene, auf ehrenamtlichem Dienst beruhende ständische Selbstverwaltung. Gleichzeitig wuchsen Kräfte heran, die den Weg aus der völligen Rechtlosigkeit der bäuerlichen Bevölkerung wiesen und die ständische Ordnung schließlich sprengen sollten. Vor allem die Aufklärung war es, die in den Ostseeprovinzen viele Anhänger im Adel und unter den Literaten fand. Ohne die ständische Ordnung radikal in Frage zu stellen, förderten sie einen reformerischen Weg. Zu ihnen gehören August Wilhelm Hupel mit seinen Sammlungen und Zeitschriften, die das estnische und lettische Zeitschriftenwesen begründeten, sowie besonders Garlieb Merkel mit seiner aufsehenerregenden Schrift Die Letten, in der er mit drastischer Darstellung die Not der lettischen Landbevölkerung beschrieb und moralische wie auch politische Forderungen an den Adel erhob. Damit wurde eine ritterschaftliche Reformpolitik unausweichlich. Diese Strömungen trugen insgesamt dazu bei, dass 1816-1819 mit der so genannten Bauernbefreiung die deutschbaltischen Ritterschaften das Recht an der Person des Bauern aufgaben, wenn sie auch zunächst noch das alleinige Recht an Grund und Boden behielten.

Nachdem zunächst die Bauern mit diesen Emanzipationsgesetzen die persönliche Freiheit erhalten hatten, wurde das in den 1840er bis 1860er Jahren durch eine besonders von deutschbaltischen Libe-ralen durchgesetzte wirtschaftliche Absicherung ergänzt. Zunehmende Freizügigkeit und Bauernlandverkauf schufen wirt-schaftliche Verhältnisse, die den Aufstieg nationaler Eliten ermöglichten. Diese in Livland von Hamilcar Baron Fölkersahm eingeleitete Agrarpolitik hatte – mit ihren parallelen Reformen in Estland und Kurland – weitreichende Folgen, denn die Abschaffung der Fron und der Ausbau der Freizügigkeit für die Landbevölkerung veränderten die Verhältnisse von Grund auf. Die Agrarreformen ebneten den Weg für die geistige Emanzipation der Esten und Letten – es gelang aber nicht, die selbstständig gewordenen Bauern an der politischen Führung des Landesstaates zu beteiligen. Die als na-tionale Gegensätze empfundenen sozialen Spannungen verschärften sich weiterhin.

Nationales Erwachen im 19. Jahrhundert

Das nicht zuletzt durch die Industrialisierung geförderte nationale Erwachen der Esten und Letten und der aufkommende russische Nationalismus gingen im 19. Jahrhundert zeitweise ein Bündnis gegen die deutschbaltische Sonderstellung ein. In mehreren Wellen sollten mit der so genannten „Russifizierung“ deutschbaltische Sonderrechte abgeschafft und in Kirche, Bildung, Rechtswesen und Verwaltung eine Angleichung der Provinzen an das Innere des Reiches durchgesetzt werden. Diese nur zum Teil als Moder-nisierung zu rechtfertigenden staatlichen Unifizierungsmaßnahmen fanden ihren Höhepunkt in der Russifizierung der 1802 neu gegrün-deten deutschen Universität Dorpat, die in den 1860er Jahren als das „nordische Heidelberg“ ihre Blütezeit erlebt hatte (prominentester Vertreter: der Biologe Karl Ernst von Baer).

Eine große Rolle spielten die Deutschbalten weiterhin als Träger des „Kulturtransfers“ zu Russland. Seit Peter dem Großen wurden die baltischen Provinzen zum Rekrutierungsfeld für Offiziere und Beamte, aber auch zur kulturellen Brücke zum Westen. Deutschbalten traten in gesellschaftlichen und politischen Bereichen hervor – von bedeutenden Diplomaten und Beratern des Zarenhauses über Heerführer bis zu Naturforschern und Entdeckungsreisenden. Bis zum Ende des Zarenreiches gab es „an der Spitze jedes russischen Ministeriums mindestens einmal einen Deutschbalten“ (E. Amburger).

Umbrüche im 20. Jahrhundert

Drei historische Zäsuren bestimmten im 20. Jahrhundert die Geschichte der baltischen Region: die Revolution von 1905/06 mit ihren besonders gegen deutsche Gutsherren und Pastoren gerichteten Gewaltakten, die dem Zusammenbruch des Zarenreiches und des Deutschen Reiches am Ende des Ersten Weltkrieges folgende Begründung der selbstständigen Republiken Estland und Lettland sowie der Zweite Weltkrieg mit der später als „diktierte Option“ (D.-A. Loeber) bezeichneten Umsiedlung nahezu aller Deutschbalten.

In der Revolution von 1905/06 entlud sich die Explosivkraft der sozialrevolutionären und nationalen Spannungen in zahlreichen Akten von Gewalt und Gegengewalt. Auch mit Reformversuchen konnte eine politische Verständigung zwischen den nationalen Grup-pen nicht mehr gelingen; die überfällige Reform der Landesverfassung unterblieb.

Erster Weltkrieg und Begründung unabhängiger Staaten

Der Schock des Kriegsbeginns am 1. August 1914 traf die Deutschbalten deshalb so heftig, weil es sich um einen Krieg ausgerechnet gegen Deutschland handelte. Dessen Truppen besetzten schon 1915 Kurland und bis 1918 alle drei Provinzen. Ihre Okkupationspolitik bestand aus strategischen „Sicherheitserfordernissen“ und imperialistischen Herrschaftsansprüchen, aus völkisch-rassenbiologischen Schlagworten und wirtschaftspolitischen Forderungen. Die damit verbundene Politik der deutschbaltischen Führungsschicht trug zur militärischen Besetzung und damit zur Loslösung Livlands und Estlands von Russland bei. Ihr Kampf galt nicht nur dem Bolschewismus, sondern auch der Errichtung selbstständiger demokratischer Staaten der baltischen Mehrheitsvölker. Vorrangiges Ziel der deutschen Militärverwaltung war, das Land durch geplante Massenansiedlung deutscher Bauern sowie durch zielbewusste Schulpolitik „dem Deutschtum zu gewinnen“, womit die Grundlagen für ein künftiges deutsches Staatswesen gelegt werden sollten.

Die Ablösung der überalterten Herrschafts- und Gesellschaftsformen traf im besetzten Baltikum jedoch auf den Höhepunkt der Emanzipationsbewegung der Esten und Letten. Diese nutzten konsequent das durch die Revolutionen in Russland und Deutschland entstandene Machtvakuum zur Gründung selbstständiger Staaten. Das aber bedeutete das Ende der traditionellen Stellung der baltischen Deutschen, denn die neuen Parlamente beschlossen die Enteignung des Großgrundbesitzes und die Aufhebung der ständischen Körperschaften. Die trotz enormer Verschlechterung ihrer Existenzgrundlage in Estland und Lettland verbleibenden Deutschen wurden von der führenden Schicht zur nationalen Minderheit. Im gleichen Maße, wie die Existenzbedingungen für Deutschbalten im Lande erschwert wurden, nahm deren Emigration zu. Sie hatte im 19. Jahrhundert mit einzelnen Prominenten eingesetzt, erste Höhepunkte 1905/06 und 1918/19 erreicht und endete im großen Exodus von 1939/41.

Kulturelle Autonomie

Von besonderer Bedeutung sind die in den baltischen Staaten verwirklichten Autonomie-Regelungen. Mit dem einschneidenden staatlichen Eingriff in die ländlichen Besitzverhältnisse durch die Agrarreformen hatten sich auch lange angesammelte Ressentiments gegen die deutschbaltische Volksgruppe entladen. Andererseits aber waren die neuen Staaten anfangs bereit, eine konstruktive Politik gegenüber den nationalen Minderheiten zu betreiben.

In erster Linie war es Paul Schiemann als der bedeutendste deutschbaltische Politiker dieser Zeit, von dem die Integration der Deutschbalten in den lettländischen Staat vorangetrieben wurde. Das Recht auf Kulturautonomie wurde von ihm als Bindeglied zum Staat aufgefasst, das der nationalen Minderheit erst die Möglichkeit gebe, bewusste Staatsbürger zu erziehen. Zu den frühen Erfolgen gehört die im Dezember 1919, als zwei Deutschbalten und ein Jude Regierungsmitglieder waren, durchgesetzte Schulautonomie der Minderheiten. Sie ermöglichte diesen den Aufbau selbstständiger Schulwesen und sogar die Gründung des Herder-Instituts in Riga als deutscher Hochschule. Deutschbalten stellten in den achtzehn Kabinetten der parlamentarischen Periode Lettlands immerhin vier Minister und zwei Ministergehilfen. Grenzen dagegen erfuhr die deutsche Parlamentsfraktion bei ihrem ohnmächtigen Kampf gegen die Verabschiedung des Agrargesetzes. Die fast entschädigungslosen Güterenteignungen, starke Abwanderung und ungünstige Sozialstruktur erschwerten es den im Lande Bleibenden, ein positives Verhältnis zu den jungen baltischen Staaten zu finden.

Im Februar 1925 wurde in Estland unter entscheidender deutschbaltischer Mitwirkung aus der Einsicht, „dass jede Nationa-lität ein natürliches Recht auf Schutz und Anerkennung (der) staatlichen Bedeutung besitzt“ und zur „Sicherstellung des ungestörten kulturellen Eigenlebens“ (Motivenbericht) das Kulturautonomiegesetz verabschiedet. Dieses vorbildlich liberal gestaltete Gesetz ermöglichte die selbstständige Wahrnehmung des gesamten kulturellen Lebens in einer Kulturselbstverwaltung und wirkte weit über Estland hinaus. Mit Recht ist es als „Visitenkarte des estnischen Volkes zum Eintritt in die Welt der freien Völker“ (G. von Rauch) bezeichnet worden.

Umsiedlung und Ende der Selbstständigkeit

Die Gewährung kultureller Autonomierechte erleichterte die Zusam-menarbeit, repressive Maßnahmen wie Kirchenenteignungen erschwerten sie aber auch. Besonders unter den autoritären Regierungen verschärfte sich die Situation ab 1934, wozu nationalistische Strömungen auf beiden Seiten beitrugen. Die vor allem von Teilen der deutschbaltischen jungen Generation auf das erstarkende nationalsozialistische Deutschland gesetzten Hoffnungen erwiesen sich als trügerisch, erst recht, als dieses mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1939 die baltischen Staaten an die Sowjetunion auslieferte. Die historischen Erfahrungen ließen den Deutschbalten nunmehr keine Alternative: Vor der drohenden Deportation verließen sie aufgrund der zwischen dem Deutschen Reich und den baltischen Republiken abgeschlossenen Umsiedlungsverträge 1939/41 ihre Heimat. Hitlers Aufruf vom 6. Oktober 1939 zur „Rückkehr ins Reich“ traf die Deutschbalten völlig unvorbereitet. Als am 18. Oktober der erste deutsche Dampfer mit Umsiedlern den Tallinner Hafen verließ, waren wenige Stunden zuvor sowjetische Truppen über die estnische Grenze einmarschiert. Der weitaus größte Teil der Deutschbalten in Estland und Lettland schloss sich der Umsiedlung mehr oder weniger freiwillig als einer „diktierten Option“ an.

Die baltischen Republiken gerieten – unterbrochen von der deutschen Okkupation 1941-1944 – für ein halbes Jahrhundert unter sowjetische Herrschaft. Deportationen, Sowjetisierung und russische Zuwanderung gefährdeten schließlich ihre ethnische Substanz so stark, dass für Esten und Letten die Gefahr bestand, selbst zur Minderheit in ihrer Heimat zu werden. Erst der Umbruch in Osteuropa ermöglichte es ihnen 1989-1991, in Anknüpfung an die Zeit der ersten Republiken ihre Selbstständigkeit wieder zu erlangen und inzwischen zu anerkannten Mitgliedern der Europäischen Union zu werden.

Der Verlust der baltischen Heimat wurde für die Deutschbalten keineswegs durch die vom Dritten Reich proklamierten „neuen Aufgaben“ in Danzig-Westpreußen oder im Warthegau ersetzt. Von hier aus teilten sie bei Kriegsende mit der Flucht das Schicksal zahlreicher anderer ostdeutscher Bevölkerungsgruppen wie u. a. auch der Deutschen aus Litauen. Während des Zweiten Weltkrieges hatten nur wenige Deutschbalten kurzfristig in ihre Heimat zurückkehren können – eine 750jährige Geschichte der Deutschen im Baltikum war zu Ende gegangen. Ihr Wirken in Leistung und Versäumnis hat in der Entwicklung dieser Region unübersehbare Spuren hinterlassen und alle ihre Bewohner entscheidend mitgeprägt. Die deutschbaltische Vergangenheit wird daher heute auch von Esten und Letten als gemeinsame Geschichte und als gemeinsames Kulturerbe gewürdigt.


Fußnoten:


  1. Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit der Geschichte der Deutschen im heutigen Estland und Lettland, den Deutschbalten im eigentlichen Sinne. Die Geschichte Litauens nahm einen anderen Verlauf (vgl. den Beitrag von Ulrike Müller in vorliegendem Heft), damit auch die Geschichte der Deutschen in Litauen, die sich soziologisch erheblich von den Deutschbalten unterschieden. Im 20. Jahrhundert erlitten sie allerdings das gleiche Schicksal wie die Deutschen in Estland und Lettland. 

  2. Während „Estland“ als geographischer Begriff recht alt ist, wurde das Kerngebiet Lettlands vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein durch zwei andere Bezeichnungen umschrieben, die sich bis heute in Landesteilen Lettlands wiederfinden, Livland und Kurland. Livland umfasst in etwa das nördliche Lettland und das südliche Estland, Kurland die Westhälfte Lettlands, Grenze zwischen beiden ist die Daugava (Düna). Während im Mittelalter das gesamte Gebiet als „Livland“ bezeichnet wurde, bildeten Estland, Livland und Kurland im 19. Jahrhundert die „russischen Ostseeprovinzen“. „Livland“ leitet sich vom (fast ausgestorbenen) finno-ugrischen Volk der Liven ab, „Kurland“ von dem im lettischen Volkstum aufgegangenen baltischen Stamm der Kuren (vgl. „Kurische Nehrung“).