Litauens Beziehungen zu Polen – Überwindung der Vergangenheit

aus OWEP 1/2006  •  von Ulrike Müller

Ulrike Müller studiert Baltistik und Russistik an der Universität Greifswald und verbrachte ein Jahr ihres Studiums an der Universität Vilnius.

Mit ihrem südwestlichen Nachbarn Polen verbindet die Litauer eine jahrhundertelange gemeinsame Geschichte, in deren Verlauf die beiden Völker alle Facetten nachbarschaftlicher Beziehungen – von einem gemeinsamen Staatswesen bis hin zum Kriegszustand – durchlebten. Infolge der erzwungenen Eingliederung in die Sowjetunion verschwand Litauen von den Landkarten, eine eigenständige Außenpolitik der Sowjetrepublik Litauen existierte nicht. Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit vor fünfzehn Jahren mussten die Beziehungen zu anderen Staaten neu definiert werden, so auch zu Polen. Die Entwicklung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern nach dem Zerfall der Sowjetunion gilt heute als ein gelungenes Beispiel der Zusammenarbeit zwischen noch im 20. Jahrhundert zutiefst verfeindeten Staaten. Ein Blick in die Geschichte macht diese Bewertung erst nachvollziehbar, denn auf dem Weg zu der heutigen Zusammenarbeit mussten und müssen einige aus der Geschichte stammende Ressentiments überwunden werden.

Gemeinsamer Staat und „Polonisierung“

Im 14. Jahrhundert entstanden erste enge Verbindungen zwischen Polen und Litauen, die sich bereits zu bedeutenden Staaten Ostmitteleuropas entwickelt hatten. Die litauischen Stämme waren zum Großfürstentum Litauen mit der Hauptstadt Vilnius vereinigt und beherrschten Gebiete weit über das heutige Litauens hinaus bis an das Schwarze Meer. Die Litauer waren zu diesem Zeitpunkt das letzte heidnische Volk Europas und einem starken Druck durch die Deutschordensritter aus dem angrenzenden Preußenland ausgesetzt. Auch um sich diesem Druck zu entziehen, schloss der litauische Großfürst Jogaila 1385 den Vertrag von Krėva mit dem schon seit dem 10. Jahrhundert christianisierten Polen. Jogaila nahm den katholischen Glauben an und christianisierte sein Volk. Dafür wurde er zum polnischen König (unter dem Namen Władysław II. Jagiełło) gekrönt. Das Großfürstentum Litauen und das polnische Königtum wurden von nun an von einem Herrscher regiert, die Eigenstaatlichkeit blieb aber erhalten. Ein gemeinsames Heer besiegte den Deutschen Orden in der Schlacht von Tannenberg 1410; Polen-Litauen stieg zur europäischen Großmacht auf. Später wurde Litauen wegen ständig wachsender Bedrohung durch Moskau gedrängt, eine noch engere Verbindung mit Polen einzugehen. Mit dem Unionsvertrag von Lublin wurden Polen und Litauen 1569 zu einer Realunion – der Adelsrepublik Rzeczpospolita – vereinigt, in der die Souveränität Litauens eingeschränkt wurde und die Polen dominierten. Im Zuge der politischen Verbindung mit den Polen sowie der Annahme des Christentums und vieler Kultur- und Bildungsgüter über den polnischen Klerus und Adel kam es zur „Polonisierung“ der litauischen Gesellschaft. Schon nach wenigen Generationen sprach der litauische Adel polnisch; nur das einfache Volk bewahrte die litauische nationale Identität.

Die litauische Geschichtsschreibung sah in der Lubliner Union lange nur den beginnenden Verlust der Staatlichkeit, beschrieb die gemeinsamen Jahrhunderte als reine Verfallsgeschichte, in dem das litauische Volk seines Adels beraubt worden sei. Dass die Übernahme der polnischen Kultur und Sprache freiwillig, ohne Zwang durch die Polen, geschah und dass die Verbindung mit den Polen viele Vorteile – schnelle fortschrittliche Entwicklung, Anbindung an die westliche Staatenwelt – brachte, wurde vernachlässigt. Hier und in dem folgenden Streit um Vilnius liegt ein Grundstein für die Angst vor zu starker Dominanz der Polen in den neuen zwischenstaatlichen Beziehungen, vor erneuter „Polonisierung“. Mit der dritten Teilung Polens 1795 endete die Geschichte des gemeinsamen Staatswesens. Der größte Teil Litauens fiel unter russische Herrschaft. Zunächst kämpfte der Adel noch gemeinsam für die Wiederherstellung des ehemaligen Staatenbundes. Am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich jedoch eine eigene litauische Nationalbewegung, die sich gegenüber Polen und Russen abgrenzte.

Der Streit um das Vilnius-Gebiet

In Folge des Ersten Weltkrieges erlangten beide Nationen ihre Unabhängigkeit zurück. Dabei verfolgten sie unterschiedliche Ziele, und die größte Krise in den zwischenstaatlichen Beziehungen – der Streit um das Vilnius-Gebiet – brach aus. Der Ursprung dieses Konflikts liegt in dem Widerspruch, dass die Litauer einerseits Vilnius als ihre unumstritten historisch legitimierte Hauptstadt ansehen, die litauische Bevölkerung in der Zwischenkriegszeit jedoch nur noch eine kleine Minderheit neben der polnischen (50 Prozent) und der jüdischen Bevölkerung (43 Prozent) darstellte. Vilnius war ein Zentrum jüdischen und polnischen Lebens geworden. Wichtige Impulse für die polnische Kultur gingen von dort aus; so entwickelte sich die polnische Romantik unter dem Poeten Adam Mickiewicz – dem „Goethe Polens“ – in dieser Stadt. Der Konflikt um die Zugehörigkeit von Vilnius beinhaltete auch das umliegende Gebiet, in dem wiederum die Litauer die ethnische Mehrheit stellten.

In der Unabhängigkeitserklärung von 1918 proklamierte sich Litauen als von allen Verbindungen, die es jemals mit anderen Nationen hatte, unabhängiger Staat mit der Hauptstadt Vilnius. Polen hingegen bevorzugte eine erneute Föderation mit Litauen. In den nächsten Jahren wurde das Vilnius-Gebiet hart von Litauern, Polen und der Roten Armee umkämpft. Nachdem Vilnius durch ein sowjetisch-litauisches Friedensabkommen den Litauern von der Roten Armee übergeben worden war, unterzeichneten Polen und Litauen im Oktober 1920 das Abkommen von Suwałki, das eine vorläufige Grenzlinie mit Vilnius auf litauischem Gebiet festgelegte. Doch wenige Tage nach der Unterzeichnung besetzten polnische Truppen Vilnius und annektierten das Vilnius-Gebiet im März 1922. Litauen brach alle diplomatischen Beziehungen zu Polen ab. Für die Litauer war die Okkupation ihrer Hauptstadt Vilnius durch Polen ein tiefer Schock. Der junge Staat war nicht in der Lage, schlagkräftige Schritte gegen das Übergewicht Polens einzuleiten; die Polen dominierten erneut. Die feindliche Stimmung gegenüber den Polen wurde während der gesamten Zwischenkriegszeit aufgeheizt, die Aversion der Litauer gegenüber den Polen erreichte ihren Höhepunkt.

Im Laufe des Hitler-Stalin-Paktes und des Zweiten Weltkrieges wurden beide Staaten zum Aufmarschgebiet der Großmächte. Nach dem Angriff auf Polen im September 1939 forderten die Deutschen Litauen auf, sich das Vilnius-Gebiet zurück zu erobern. Litauen bewahrte allerdings seine Neutralität. Wenig später besetzte Sowjetrussland „seinen Teil“ Polens und übergab das Vilnius-Gebiet an Litauen. Während des Krieges brachen erneut Kämpfe zwischen Litauern und Polen im Vilnius-Gebiet aus. Partisanentruppen beider Nationen verübten auch Morde an den Zivilbevölkerungen, was die Ressentiments noch verstärkte. Im Bewusstsein beider Völker ist diese negativ konnotierte Epoche sehr aktiv, es leben noch Zeitzeugen, und so werden entstehende Debatten vom Großteil der Bevölkerung sehr emotional geführt. Als Sowjetrepublik Litauen liefen alle zwischenstaatlichen Beziehungen nur über Moskau, sodass es zu keiner echten Aussöhnung zwischen den Völkern kommen konnte.

Wiederherstellung der Beziehungen

Anerkennung der Unabhängigkeit

Im März 1990 proklamierte Litauen die Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit. Die Reaktionen darauf aus Polen waren eindeutig positiv. In der polnischen Öffentlichkeit wurde die Sympathie mit den „litauischen Brüdern“ offen zur Schau gestellt. Beide Völker verfolgten wieder ein gemeinsames Ziel: die Loslösung vom Einfluss der Sowjetunion, wobei Polens Souveränität allerdings nie in Frage stand. Die Forderung nach offizieller Anerkennung der unabhängigen Republik Litauen, die auch die Litauer der polnischen Regierung stellten, wurde laut ausgesprochen. Die polnische Regierung jedoch wollte keinen Konflikt mit der Sowjetunion provozieren, die die Anerkennung als Einmischung in innere Angelegenheiten bezeichnet hätte, und zögerte mit der Aufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen, bis dieser Schritt das Verhältnis zu Moskau nicht mehr belasten konnte. Nach dem gescheiterten Putschversuch in Moskau im August 1991 erkannte die Sowjetunion die Unabhängigkeit Litauens an, eine internationale Welle diplomatischer Anerkennungen, darunter auch die Polens, setzte ein. Viele Litauer hatten gehofft, durch Polens Anerkennung frühzeitige Unterstützung zu erlangen. Das lange Zögern der polnischen Regierung bleibt der Bevölkerung in negativer Erinnerung; der litauische Präsident Vytautas Landsbergis selbst machte der polnischen Regierung später den Vorwurf, zu wenig Initiative gezeigt zu haben. Der Putschversuch in Moskau brachte den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Anerkennung der Unabhängigkeit, er war aber auch Ausgangspunkt für eine Krise in den gerade erst wieder hergestellten Beziehungen zwischen Polen und Litauen.

Die polnische Minderheit

Die Spitzen der Selbstverwaltungsorgane der Polen in den beiden Regionen Vilnius und Šalčinkai, den Regionen im Vilnius-Gebiet, in denen die Polen die Mehrheit der Bevölkerung darstellen, ergriffen offen Partei für die putschenden Kräfte in Moskau, die sich gegen jegliche Unabhängigkeitsbewegungen richteten. Die litauische Regierung löste alle leitenden Selbstverwaltungsorgane der beiden Regionen auf, denen Kollaboration mit den Putschisten nachgewiesen wurde. Von polnischer Seite wurde diese Entscheidung scharf als Verletzung der Rechte der polnischen Minderheit, die nun keine Vertretung mehr hatte, kritisiert. Die Entscheidung der litauischen Regierung und die starken Vorbehalte der litauischen Bevölkerung gegenüber der polnischen Minderheit (1989: 7 Prozent) lagen auch in deren Verhalten während des Unabhängigkeitskampfes der Litauer begründet. Die nationale Euphorie und Grundhaltung der Unabhängigkeitsbewegung „Sąjūdis“ bewirkte eine nationale Abwehrreaktion der polnischen Minderheit. Bei der Abstimmung im litauischen Parlament über die Unabhängigkeit Litauens stammten die einzigen 6 Stimmenthaltungen (bei 130 Stimmen) von polnischen Abgeordneten. Schon früh entstanden Autonomiebestrebungen; im Mai 1990 beispielsweise wurde eine „Ost-Polnische Republik im Verbund der Sowjetunion“ ausgerufen. Solche Bestrebungen verstanden die Litauer als Angriff auf ihre Unabhängigkeit. Auch nicht-prosowjetische Autonomiebestrebungen riefen die Angst vor erneuter Polonisierung des Vilnius-Gebietes hervor. Die Haltung der polnischen Minderheit widersprach immer wieder offen den litauischen Interessen. Nach der Entlassung der Selbstverwaltungsorgane eskalierte die Situation. Die Nationalisten in beiden Ländern erstarkten, in Polen ließen sich Stimmen, Vilnius müsse wieder polnisch werden, vernehmen.

Überwindung der Vergangenheit

Unter diesen Umständen gestaltete sich das Zustandekommen einer „Erklärung über freundschaftliche Beziehungen und gute nachbarschaftliche Zusammenarbeit“ schwierig. Sie konnte erst 1992 nach dem Scheitern mehrerer Treffen unterzeichnet werden. Für die litauische Seite bestand die wichtigste Aussage in der Anerkennung der bestehenden Grenzen. Zwei weitere Jahre Verhandlungen waren notwendig, um 1994 den „Vertrag über freundschaftliche Beziehungen und Zusammenarbeit“ zum Abschluss zu bringen. Unter anderem forderte Litauen die Verurteilung der Okkupation von Vilnius im Vertragstext, was Polen jedoch ablehnte und betonte, dass die Beziehungen auf die Gegenwart ausgerichtet sein sollten. Durch die Unterzeichnung des Vertrages entschieden die Politiker beider Seiten, sich aus den Verstrickungen der Vergangenheit zu lösen und geschichtliche Argumente Historikern zu überlassen. Dem Vertrag folgten viele bilaterale Abkommen, es entstanden gemeinsame Konsultationsplattformen für Politiker, aber auch für Historiker, die nun zusammen die Geschichte als Gegenstand der Wissenschaft und nicht der Propaganda aufarbeiten. Zu dem starken Willen der Politiker beider Staaten, historische Ressentiments zu überwinden und die Normalität der Beziehungen herbeizuführen, trug sicherlich die gleiche geopolitische Orientierung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bei. Die Ziele Sicherheit und die damit verbundene angestrebte Aufnahme in NATO und EU einigten beide Staaten. Bedingungen für EU- und NATO-Kandidaten sind unter anderem „gute nachbarschaftliche Beziehungen“ und „Einhaltung demokratischer Standards“, die auch die Minderheitenpolitik betreffen.

Strategische Partnerschaft

Ab 1997 verwendeten die Außenminister beider Länder den Begriff „strategische Partnerschaft“, um den neuen Abschnitt der Beziehungen zu charakterisieren. Ein Merkmal dafür bildet eine sehr gute und freundschaftliche Zusammenarbeit auch auf der höchsten politischen Ebene und deren Institutionalisierung. So wurden eine litauisch-polnische Parlamentarierversammlung, ein Beratungsausschuss auf Präsidentenebene sowie ein Beratungsausschuss auf Regierungsebene geschaffen, die halbjährlich zu Konsultationen zusammenkommen. Ein weiteres Kriterium für die „strategische Partnerschaft“ ist die intensive Kooperation auf strategisch wichtigen Gebieten. Litauen und Polen schufen 1997 eine gemeinsame militärische Einheit LITPOLBAT für friedenssichernde Einsätze der UN, die seit 1999 im Kosovo dient. Befürchtungen, die Beziehungen könnten sich nach dem früheren NATO-Beitritt Polens 1999 abkühlen, bestätigten sich nicht. Im Gegenteil: Polen erwies sich als zuverlässiger Partner, der die Aufnahme Litauens in der nächsten Erweiterungsrunde beständig propagierte. 2004, im Jahr des gemeinsamen EU-Beitritts von Polen und Litauen, wurde dann auch Litauen in die NATO aufgenommen.

Beispiel für andere Nationen

Im Kontext der Feierlichkeiten zur zehnjährigen Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen (2001) wurde ihre Entwicklung als beispielhaft für andere Nationen bezeichnet. Allerdings haben die immer besser werdenden Beziehungen zwischen den Politikern beider Länder nicht automatisch auch positive Auswirkungen auf das Verhältnis der beiden Gesellschaften zueinander. Umfragen haben ergeben, dass die Litauer noch weniger Sympathie für die Polen als für die Russen empfinden. Die polnische Bevölkerung listet ihre Nachbarn unter jenen Völkern auf, mit denen sie mehr negative als positive Gefühle verbindet. Die Richtlinien für freundschaftliche Beziehungen und Zusammenarbeit können zwar auf Regierungsebene in Verträgen festgehalten werden, für die eigentliche Ausgestaltung und Umsetzung in der Gesellschaft ist jedoch die breite Bevölkerung notwendig.

Beispielhaft an den Beziehungen zwischen den beiden Ländern ist, wie rasch auf die Feststellung von Missständen reagiert wurde. Schnell wurden neue Projekte in Angriff genommen, etwa die Förderung des kulturellen Austauschs, des Jugendaustausches und des gegenseitigen Tourismus. Ein gelungenes Beispiel für die Umsetzung der neuen Prioritäten stellte der „Vilnius-Frühling“ im Mai 2004 in Warschau dar. Er entstand als Resultat einer Zusammenarbeit der litauischen Botschaft mit der Warschauer Stadtverwaltung in Form einer Woche voller Veranstaltungen rund um Vilnius und Litauen. Als Hauptereignis wurde ein Forum litauischer und polnischer Geschäftsleute abgehalten. Dieses begleitete ein vielfältiges Kulturprogramm, in dem die litauische Kultur in Form von Filmen, klassischen und modernen Konzerten, Ausstellungen, Seminaren für Schüler beider Länder, aber auch in Verköstigungen von litauischem Bier vorgestellt wurde. Diese Art der Begegnung bot die Möglichkeit, durch persönliche Kontakte der Menschen historische Vorbehalte zu entschärfen. Zur Sicherung des zukünftigen freundschaftlichen Verhältnisses ist die Beseitigung der alten Ressentiments eine wichtige Voraussetzung.