Religion nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Estland

aus OWEP 1/2006  •  von Ringo Ringvee

Der Autor arbeitet an einer Dissertation über Konflikte innerhalb der orthodoxen Kirchen und ist als Berater für religiöse Angelegenheiten im estnischen Innenministerium tätig.

Heutzutage wird Estland manchmal als eine der am stärksten säkularisierten Gesellschaften in ganz Europa betrachtet. In einer Umfrage vom Juni 2002 gaben 51 Prozent der Befragten an, dass Religion keinen wichtigen Platz in ihrem Leben einnehme. Die Daten der Volkszählung des Jahres 2000 zeigen, dass ein Drittel der estnischen Bevölkerung sich als Anhänger bestimmter religiöser Traditionen betrachtet. Grob geschätzt können nicht mehr als 20 Prozent der Bevölkerung als Mitglieder religiöser Vereinigungen betrachtet werden. Weiterhin gaben laut einer Umfrage des Jahres 2000 nur vier Prozent der Befragten an, wöchentlich an religiösen Veranstaltungen teilzunehmen.

Trotz dieser statistischen Angaben gibt es in Estland viele Gemeinschaften, die verschiedene religiöse Traditionen repräsentieren. Estland wird traditionell als lutherisches Land betrachtet. Ungefähr 14 Prozent der Bevölkerung – meistens ethnische Esten – betrachten sich als Lutheraner.1 Seit dem 19. Jahrhundert gibt es in Estland eine beträchtliche orthodoxe Minderheit. Heute geben 13 Prozent der Bevölkerung – hauptsächlich Russischsprachige – an, orthodoxe Christen zu sein. Die orthodoxe Tradition wird von zwei autonomen orthodoxen Kirchen repräsentiert. Neben diesen zwei großen Traditionen gibt es viele weitere. Die meisten davon sind unterschiedliche protestantische Konfessionen – Baptisten, Methodisten, Adventisten und verschiedene evangelikale und charismatische Gruppen.

In den frühen neunziger Jahren wurden in allen Bereichen des sozialen Lebens staatliche Unterstützungen gekürzt, auch im religiösen Bereich. Während der Arbeit der verfassungsgebenden Versammlung (1991/92) gab es keine ausgearbeiteten Konzepte über die Beziehungen zwischen dem Staat und den Religionsgemeinschaften. Als Grundlage wurde in Artikel 40 der Verfassung ein Satz festgelegt: „Es gibt keine Staatskirche.“ Damit ist umschrieben, dass keine religiöse Organisation von Seiten des Staates bevorzugt wird. Alle religiösen Gemeinschaften, die dem Gesetz gemäß registriert sind, haben dieselben Rechte und Pflichten, und jede religiöse Vereinigung hat das Recht, sich selbst zu organisieren und ihre Mission innerhalb des gesetzlichen Rahmens nach außen zu tragen.

Die lutherische Kirche

Seit dem 16. Jahrhundert war Estland ein lutherisch dominiertes Land. Die evangelisch-lutherische Kirche und der lutherische Klerus hatten eine wichtige Rolle in der estnischen Geschichte inne. Seit 1917 definiert sich die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) als „Volkskirche“. Während der dreißiger Jahre genoss sie gemeinsam mit der Apostolischen Orthodoxen Kirche eine besondere Behandlung durch den Staat; beinahe 80 Prozent der Bevölkerung betrachteten sich bei der Volkszählung von 1934 als Lutheraner.

Zur Sowjetzeit behauptete die EELK ihre Rolle als größte religiöse Vereinigung. Die Mitgliederzahlen sowie der Umfang der religiösen Praxis begann jedoch seit den frühen sechziger Jahren langsam, aber stetig abzunehmen. So belief sich die Anzahl der Beitrag zahlenden Mitglieder im Jahre 1959 auf 173.770 Personen, während es 1969 nur noch 97.356 waren. Während der Phase des nationalen Erwachens in den späten achtziger Jahren wurde die Rolle der EELK immer bedeutender. So waren etwa lutherische Geistliche in verschiedenen Bereichen der Unabhängigkeitsbewegung aktiv, und die EELK unterstützte die estnischen Unabhängigkeitsbestrebungen auch mit finanziellen Mitteln. Nach der Wende erlebte die EELK einen schnellen Anstieg sowohl der Tauf- als auch der Konfirmationszahlen, eine Folge des nationalen Wiedererwachens. Zur gleichen Zeit nahm die Einmischung der EELK in die gesellschaftlichen Prozesse fast schon rituelle Züge an – die dabei vorgeschlagenen Modelle stammten jedoch in den meisten Fällen aus der Vergangenheit oder waren bloße Übernahmen aus dem Westen, häufig noch auf fremder Hilfe aufbauend. Obwohl daher viele Einrichtungen der EELK langfristig erfolglos blieben und wieder geschlossen werden mussten, ist sie mit ihren beinahe 166.000 nominellen und 41.000 zahlenden Mitgliedern noch immer die größte und einflussreichste religiöse Vereinigung in ganz Estland.

Die EELK hat sich neben dem Estnischen Ökumenischen Kirchenrat als Hauptpartner für den Staat etabliert.2 Seit 1995 haben die estnische Regierung und die EELK eine Verbindungskommission mit verschiedenen Unterkommissionen; besonders wichtig ist die Unterkommission für kulturelle Werte, da die EELK viele kulturell bedeutende Kirchengebäude besitzt, die einen wesentlichen Teil des estnischen Kulturerbes darstellen. Hinzu kommt, dass die lutherische Kirche aktiv in die Gefängnis- und Militärseelsorge einbezogen wurde. Organisiert hat diese Zusammenarbeit allerdings der erwähnte Kirchenrat, nicht allein die EELK. Auch sollte man beachten, dass die EELK als religiöse Vereinigung während der Entwicklung zur Unabhängigkeit sowohl in politischen als auch in sozialen Belangen recht wenig Farbe bekannte.

Die orthodoxe Kontroverse

In den neunziger Jahren wurde Estland plötzlich zum Kampfplatz der Mächte – die Gegner waren zwei starke Patriarchate in der orthodoxen Welt: Der Patriarch von Moskau, Alexej II., und Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel standen sich gegenüber. Der Kampf um Estlands orthodoxe Gemeinde kann auch als ein Teil einer großen Neuorganisation innerhalb der orthodoxen Welt gesehen werden, die dem Zusammenbruch der Sowjetunion folgte. Ähnliche Konfrontationen gab es in Moldova und der Ukraine.

Die Wurzeln dieses Kampfes liegen in der Oktoberrevolution von 1917 und den unruhigen Zeiten, die auf diese Revolution folgten. 1920 garantierte der russische Patriarch Tichon verschiedenen orthodoxen Gemeinden in den gerade unabhängig gewordenen Ländern einen autonomen Status. Unter diesen war auch die orthodoxe Kirche in Estland. Im Jahre 1923 wurde es aus mehreren Gründen schwierig, die Beziehungen zwischen der orthodoxen Kirche in Estland und dem Moskauer Patriarchat aufrechtzuerhalten. Die orthodoxe Kirche in Estland sowie die orthodoxen Kirchen in Lettland und Finnland versuchten daher, unter die kanonische Jurisdiktion des ökumenischen Patriarchates in Konstantinopel zu gelangen; die autonome Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche (EAOK) erreichte dies im Jahre 1923. Für die orthodoxen Kirchen in Estland und in Lettland änderte sich die Situation 1940, als beide Länder mit der Sowjetunion vereinigt wurden; die jeweiligen orthodoxen Kirchen wurden in die kanonische Jurisdiktion des Moskauer Patriarchates eingegliedert. 1941 verstaatlichten die sowjetischen Behörden den Kirchenbesitz in Estland, 1945 lösten die Repräsentanten der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) die Synode der EAOK auf. Die ROK gründete eine Diözese von Estland und Tallinn der Russischen Orthodoxen Kirche. Zur selben Zeit behauptete die Estnische Apostolische Orthodoxe Kirche ihre Kontinuität im Exil auf der Basis des Statuts von 1935. Während der Phase des nationalen Erwachens und ebenso kurz nach der estnischen Unabhängigkeit im Jahre 1991 wurden viele Vereinigungen der vorsowjetischen Periode neu gegründet. In diesem Zusammenhang begannen estnische orthodoxe Kleriker sowie auch Laien, Kontakte zur EAOK im Exil aufzubauen. Auch mit dem ökumenischen Patriarchat nahmen sie Verbindung auf, um die EAOK in Estland wieder etablieren zu können.

Nach Erlangung der Unabhängigkeit Estlands im Jahre 1991 wurde eine Eigentumsreform durchgeführt. Sie bezog sich auch auf die religiösen Vereinigungen, die seit dem 16. Juni 1940 aktiv waren und deren Tätigkeit ohne Unterbrechung fortgeführt wurde. Im Juni 1991 erfasste das Handelsregister von Tallinn die orthodoxe Kirche unter dem Namen „Orthodoxe Kirche in Estland. Verwaltung des Bistums Tallinn. Moskauer Patriarchat.“ Die Verwaltung der Diözese von Tallinn wurde als die rechtmäßige Nachfolgerin der EAOK betrachtet, die vor der sowjetischen Periode in Estland existiert hatte. Im April 1993 erkannte der Patriarch von Russland Alexej II. die Verwaltung der Diözese als autonome Estnische Orthodoxe Kirche unter seiner kanonischen Jurisdiktion an. 1993 wurde ein „Kirchen- und Gemeindegesetz“ in Estland in Kraft gesetzt, und alle religiösen Vereinigungen mussten sich im Innenministerium registrieren lassen. Im Juni desselben Jahres wurde die EAOK, da sie die gesetzlichen Bestimmungen erfüllte, im estnischen Register der Kirchen und Gemeinden verzeichnet.

Im November 1993 ersuchte nun die andere orthodoxe Kirche mit demselben Namen und Statut um die Registrierung. Diese Forderung wurde von Bischof Kornilij formuliert, dem Leiter der orthodoxen Kirche unter der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchates, der mit seiner Bitte aber auf Widerstand stieß. Das Innenministerium weigerte sich mit Bezug auf Artikel 13 des Kirchen- und Gemeindegesetzes, die Erfassung vorzunehmen, da sich der Name einer religiösen Verbindung, die um die Registrierung ersucht, von den bereits registrierten Organisationen unterscheiden muss. Bischof Kornilij verklagte das Ministerium mehrere Male aufgrund der Weigerung, seine Kirche als rechtmäßige Nachfolgerin der Vorkriegs-EAOK zu registrieren. Die Ernsthaftigkeit der Situation wurde dem Moskauer Patriarchat 1995 klar, als die Klagen des Bischofs gegen das Innenministerium vom obersten Gerichtshof zurückgewiesen worden waren. 1995 und 1996 organisierte Kornilij zwei von Kreuzen angeführte Prozessionen, um gegen die getroffenen Entscheidungen zu protestieren. Russische Politiker fassten die Ablehnung der Registrierung der Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchates als rechtmäßigen Nachfolger der EAOK als Diskriminierung gegen die russischsprachige Minderheit und Anhänger des orthodoxen Glaubens auf. Vertreter der estnischen Regierung versuchten, sich von dem Konflikt zu distanzieren, da dieser als Problem betrachtet wurde, das von den Patriarchen gelöst werden müsse; damit wollten sie die Angelegenheit so weit wie möglich auf der rechtlichen Ebene belassen. Daraufhin erklärte Metropolit Kirill von Smolensk und Kaliningrad, der für die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats zuständige Vertreter der ROK, er könne die Loyalität der Orthodoxen gegenüber Estland nicht garantieren.

Die Spannungen zwischen den Patriarchaten erreichten 1996 ihren Höhepunkt, als der ökumenische Patriarch den Beschluss von 1923 wiederherstellte, der die kanonische Jurisdiktion über die EAOK betraf, und Alexej II. die Beziehungen zum ökumenischen Patriarchat einstellte. Später im selben Jahr stimmten die Patriarchen im Grundsatz überein, dass jede Gemeinde das Recht habe zu bestimmen, welcher Kirche sie angehören möchte. Während die Mehrheit der Gemeinden sich der EAOK anschloss, blieb die große Mehrheit der ethnischen Russen unter der kanonischen Jurisdiktion des Moskauer Patriarchates. Schließlich wurde die Estnische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchates (EOKMP) im April 2002 nach Jahren der Diskussionen, Konfrontationen und Beschuldigungen im estnischen Register der Kirchen und Gemeinden registriert. Die Artikel, die sich auf den rechtmäßigen Fortbestand bezogen, wurden aus dem Statut entfernt, obwohl ein Bezug auf die historische Legitimität der EOKMP zur orthodoxen Tradition in Estland im Statut verankert blieb. Der Konflikt um den Kirchenbesitz wurde durch Arrangements zwischen der estnischen Regierung und den orthodoxen Kirchen gelöst.

Neue Kirchen und Religionen

Neben Lutheranern und Orthodoxen als größten religiösen Vereinigungen sind in Estland viele andere westliche und östliche religiöse Traditionen vertreten. Neben Gruppierungen, die seit über hundert Jahren im Lande sind, wie z. B. Baptisten, Adventisten und Methodisten, gibt es heutzutage auch Buddhisten, Hare Krishna-Anhänger, Gemeinden verschiedener charismatischer und evangelikaler Christen, Anhänger vorchristlicher religiöser Traditionen und Bahá‘ís, Satanisten, Mitglieder der Vereinigungskirche und weitere. Eine der seit den frühen neunziger Jahren am schnellsten wachsenden religiösen Verbindungen ist die der Zeugen Jehovas mit ungefähr 4.000 Mitgliedern. Dies macht sie zur fünftgrößten Religionsgemeinschaft in Estland.

Die neuen religiösen Bewegungen erschienen nach und nach während der späten achtziger Jahre. Einige von ihnen etablierten sich schon im vorherigen Jahrzehnt, etwa die Anhänger von Hare Krishna oder die Buddhisten. Auch Muslime organisierten sich zur selben Zeit offiziell. Insgesamt waren die späten achtziger und frühen neunziger Jahre eine Zeit, die völlig neue Bewegungen hervorbrachte. Eine der ersten Gruppierungen, die zum Synonym für eine neue religiöse Bewegung wurde, war eine christliche charismatische Gruppierung, die später als „Wort des Lebens“ (Elu Sona) bekannt wurde. Diese pflegte Kontakte zur schwedischen Glaubensbewegung Livets Ord.3

Während der frühen neunziger Jahre erreichte die transzendente Meditation (TM)4 den religiösen Markt der Esten und gewann neben viel Publicity zahlreiche Anhänger. Dennoch ließ der anfängliche Erfolg der TM schlagartig nach. Zur selben Zeit begannen neue Gruppen ihre Mitgliedszahlen zu steigern, wie zum Beispiel die Zeugen Jehovas. Einige neue Bewegungen in Estland, wie die Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) etablierten und behaupten kleine, aber starke Gemeinschaften. Neben diesen registrierten religiösen Verbindungen gibt es viele Yoga- und Meditationsgruppen, Heiler und Neo-Schamanen in Estland, ebenso wie nicht registrierte religiöse Gemeinschaften und solche, die sich entschlossen haben, als reguläre Nichtprofitorganisationen zu operieren. Im Kontext neuer religiöser Bewegungen sollte schließlich auch die Gemeinschaft vorchristlicher religiöser Traditionen erwähnt werden, das „Haus von Taara“ und die eingeborenen Religionen (Taara – ja Maausuliste Maavalla Koda). Die Repräsentanten dieser Gemeinschaft engagieren sich aktiv bei der Bewahrung von „heiligen Orten“ in der Natur und sind starke Kritiker der christlichen Kirchen, vor allem der EELK.

Schlussfolgerung

Die Position der Religion im postkommunistischen Estland ist das Resultat verschiedener Faktoren. Es wäre zu einfach zu sagen, dass die Säkularisierung der estnischen Gesellschaft nur der sowjetischen Periode zuzuschreiben ist. Auch verschiedene politische und ideologische Faktoren, die in Estland gegenwärtig waren, müssen in die Betrachtung mit einbezogen werden. Die liberale Ideologie, die in den frühen Neunzigern vorherrschte, bot den Rahmen für eine liberale religiöse Gesetzgebung in Estland. So wie die wirtschaftlichen Reformen in Estland zu den radikalsten in der postkommunistischen Welt gehörten, so war auch die Idee, keine religiöse Verbindung zu bevorzugen, recht ungewöhnlich. Infolge der relativ marginalen Rolle von Religion in der estnischen Gesellschaft ist der Einfluss der religiösen Institutionen auf politische Entscheidungen nahezu bedeutungslos. Und da keine einzige Religionsgemeinschaft in der Lage ist, politische Entscheidungen zu beeinflussen, wird der religiöse Pluralismus sicher weiter blühen.

Deutsch von Sarah Horstkamp.


Fußnoten:


  1. Die Gesamtbevölkerung liegt bei knapp 1,4 Millionen, darunter ca. 5.500 Katholiken (ca. 0,4 Prozent). Vgl. auch Länderinfo Estland. ↩︎

  2. Die Estnische Ökumenische Kirchenrat wurde 1989 gegründet und besteht heute aus der EELK, der Estnischen Apostolischen Orthodoxen Kirche, der Estnischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchates, der Vereinigung der Evangelikalen Christlichen und der Baptistischen Kirchen Estlands, der vereinigten Kirche der Methodisten in Estland, der römisch-katholischen Kirche Estlands, der Estnischen Christlichen Pfingstkirche, der estnischen Konferenz der Adventisten des Siebenten Tages und der estnischen Gemeinde der Armenischen Apostolischen Kirche. Die Charismatisch-Episkopale Kirche Estlands ist Beobachter im Kirchenrat. ↩︎

  3. „Wort des Lebens“ bzw. „Wort des Glaubens“ ist eine weltweit agierende neue religiöse, stark charismatisch geprägte Bewegung, in der sich christliche, esoterische und okkulte Elemente vermischen (Anm. d. Redaktion). ↩︎

  4. Auch Transzendentale Meditation genannt; Meditationsform nach Maharishi Yogi (Anm. d. Redaktion). ↩︎