Alles noch so nah.

aus OWEP 2/2009  •  von Michael Albus

Prof. Dr. Michael Albus ist Mitglied der Redaktion dieser Zeitschrift.

Das Interview, das oft ganz unvermittelt auch zu einem Gespräch werden kann, ist eine journalistische Form eigener Art. Es muss gut vorbereitet werden, ein klares Konzept im Hintergrund haben und doch ganz offen sein für das, was der Austausch von Frage und Antwort ungeplant „bringt“, und es in das Konzept einbauen. Hinzu kommt, dass ein Unterschied darin besteht, ob der Austausch „nur“ schriftlich geschieht oder Auge in Auge stattfindet.

Im Verlauf der Interviews, die ich für diese OWEP-Ausgabe gemacht habe, verspürte ich mehr als einmal den Wunsch, die Gespräche selber, die Umstände, die sie zu Stande kommen ließen, in einer eigenen Reportage festzuhalten. Doch das hätte den Rahmen, der vorgegeben war, gesprengt. Schließlich sollten ja die Zeitzeugen selber zu Wort kommen. Wichtig war für mich, die Menschen, von denen ich etwas erfahren wollte, persönlich aufzusuchen. Schon die Fahrten nach Paris, Dresden, Prag, Wittenberg und Warschau waren für sich Reisen in eine Vergangenheit, die nicht nur zwanzig Jahre zurückliegt, deren Wurzeln vielmehr in den Boden einer ganz anderen Vergangenheit reichen. Dies wurde mir bewusst, wenn ich, meist zu Fuß, von den Bahnhöfen zu den Wohnungen der Gesprächspartner ging. Ich ging an Orten vorbei, die vor zwanzig Jahren Schauplätze eines im wahrsten Sinne des Wortes revolutionären Geschehens waren, an denen heute alles so ist, als ob nie etwas gewesen wäre.

Den Interviewpartnern war keine Frage vorgegeben. Sie wussten vorher lediglich, dass ich mit ihnen für diese Zeitschrift, die sie meist kannten, über das Thema „Zwanzig Jahre Wende“ reden wollte. Die Arten der Zustimmungen zu diesem Vorhaben waren ganz unterschiedlich. Sie erfolgten spontan, skeptisch und zögerlich. Die Interviews wurden, außer in zwei Fällen, in den Wohnungen der Befragten geführt. Das verlieh den Gesprächen eine persönliche Aura. War doch die Wohnung in den Jahren vor der Wende für viele meist ein Zufluchtsort, der Platz, an dem man mehr oder weniger Atem holen konnte nach den Atemlosigkeiten des öffentlichen und verborgenen Lebens in einem System, das ganz auf Kontrolle und Herrschaft ausgerichtet war.

Wichtig war für den Interviewer auch, dass er alle Interviewten schon persönlich lange Jahre kannte, mit ihnen mancherlei journalistische und persönliche Begegnungen hatte, dass die Interviewten auch die Person kannten, auf die sie sich einließen. Das kann zu einem entscheidenden Faktor im Prozess der Suche nach dem, was war, werden, vor allem angesichts der Thematik, die in diesen Interviews anstand. Sie war ja nicht nur mit einfachen Erinnerungen an interessante Zeiten verbunden. Sie war und ist auch mit Ängsten und Nöten besetzt, die nach wie vor, meist unter der Oberfläche der Gedanken, präsent sind.

Jetzt erst wirklich, aus der zeitlichen Entfernung zu dem, was wir heute „die Wende“ nennen, wurde mir die Dramatik jener Jahre bewusst. Viele Einzelheiten, Daten und Fakten, Aussagen und Äußerungen aus jener Zeit hatte ich im Kopf. Nun aber spürte ich ganz intensiv, dass es für die damals Handelnden und Betroffenen auch eine Herzenssache war, so zu denken und zu handeln, wie sie es auf ganz unterschiedliche und individuell ganz verschiedene Weise taten. Mir wurde auch klar, wie wichtig es ist, die Erinnerungen für jene festzuhalten, die nicht unmittelbar daran beteiligt waren – im Osten wie im Westen. Sich mit den Fakten von damals zu konfrontieren, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sich von ihnen bedrängen und beunruhigen zu lassen, ist ein Ferment, ein Gärstoff für die heutige politische und gesellschaftliche Kultur, ein Medikament gegen die geistige Unbeweglichkeit und die politische, gesellschaftliche, religiöse und kirchliche Schläfrigkeit, die uns, die europäischen Gesellschaften, wie ein gefährlicher Virus befallen hat, der sich immer weiter ausbreitet und etwa in ständig sinkenden Beteiligungen an demokratischen Wahlen seine unheilvolle Wirkung entfaltet.

Die Antworten, die in den Interviews dieser OWEP-Ausgabe mündlich und schriftlich gegeben wurden, sind so etwas wie Vermächtnisse, die es zu bewahren, weiter zu geben – und die es lebendig zu erhalten gilt. Sie können uns lehren, wenn wir wollen, dass es unerlässlich ist, die eigene Person ins Spiel der Mächte und Gewalten zu bringen. Das klingt pathetischer, als es in der Wirklichkeit ist.