„Heterodoxes“ Christentum im modernen Russland

Zusammenfassung

Aus der russischen Orthodoxie sind im Laufe der Geschichte zahlreiche religiöse Gruppen mit ganz unterschiedlichen Formen der Lehre, des Ritus und des Glaubensalltags hervorgegangen. Der Beitrag bietet einen Überblick über deren Entwicklung und versucht eine geistesgeschichtliche Einordnung dieser Glaubensgemeinschaften.

Alexander Panchenko ist Fellow am Institut für Russische Literatur der Russischen Akademie der Wissenschaften und Professor für Anthropologie an der Staatlichen Universität St. Petersburg (Forschungsschwerpunkte: u. a. Anthropologie der Religion, ländliche Religionsformen, charismatisches Christentum).

In der üblichen Sichtweise der russischen Religionsgeschichte, die im Westen verbreitet ist, stellt sich die russische Orthodoxie hinsichtlich der Glaubensinhalte, der Riten und der Lehre ziemlich einheitlich dar. Dies entspricht jedoch nicht den Tatsachen, denn historisch wie geografisch gesehen ist die russische religiöse Kultur äußerst vielfältig, wie es etwa der amerikanische Historiker Gregory Freeze formuliert hat: „Die russische Orthodoxie war eine russische Heterodoxie – eine Anhäufung lokaler Formen der Orthodoxie, jede mit ihren eigenen Kulten, Ritualen und Gewohnheiten. Die Religion war, wie auch anderen Bereiche des Lebens, äußerst kleinteilig und zeichnete sich durch kaleidoskopartige Variationen von Pfarrei zu Pfarrei aus, ganz zu schweigen von breiten regionalen Unterschieden.“1 Allerdings ist es wichtig festzuhalten, dass diese Unterschiede und Varianten nicht aus sozialen Bewegungen oder Konflikten hervorgegangen sind, wie dies etwa für Westeuropa bis zum späten 17. Jahrhundert galt.

Die Altgläubigen und der Beginn des religiösen Dissenses in Russland

Die Kirchenreformen unter Patriarch Nikon in den Jahren nach 1650 betrafen keine „großen“ theologischen oder dogmatischen Bereiche; vielmehr beabsichtigten sie nur einige kleinere Änderungen der Liturgie und der orthodoxen Riten, um damit eine Anpassung an die griechisch-orthodoxen Standardformen jener Zeit zu erreichen. Die Veränderungen führten jedoch zu einer unerwarteten Reaktion – es entstand eine massive konservative Bewegung, die letztlich zu einer Kirchenspaltung führte. Die Konservativen, bekannt als die „Altgläubigen“, urteilten über die Reformen in apokalyptischen Begriffen und ordneten sie unter die „Vorzeichen der letzten Tage“ ein, die dem „Kommen des Antichrist“ vorausgehen würden.

Einige der radikalsten Gruppen der Altgläubigen praktizierten rituelle Selbstmorde, oft in der Form von kollektiven Selbstverbrennungen. Auf der anderen Seite wurden die Altgläubigen seitens der Regierung äußerst hart verfolgt. Später, im 18. und 19. Jahrhundert, konnten kleinere Gemeinschaften von Altgläubigen, die sich in abgelegenen Landstrichen fern der „gottlosen Welt“ gehalten hatten, viele Formen und Vorschriften im Sinne der rituellen Reinheit bewahren. Bemerkenswert ist es, dass zahlreiche erfolgreiche Kaufleute und Unternehmer im Russland des 19. Jahrhunderts Anhänger der Altgläubigen waren und einen bedeutenden Anteil an der Entwicklung des russischen Kapitalismus hatten. Ursache dafür mag die soziale Stigmatisierung gewesen sein, die bei den Altgläubigen zu einer besonderen Vertiefung ihrer „Wirtschaftsethik“ führte.

„Geistbesessene“ Asketen und volkstümliche apokalyptische Haltungen

Es gab eine Reihe radikaler Gruppen von Altgläubigen im frühen 18. Jahrhundert, die den Anstoß zur Entstehung einer weiteren alternativen religiösen Bewegung in Russland gab, den so genannten Christgläubigen (Christovschtschina). Ihre Anhänger waren von apokalyptischen Erwartungen erfüllt, aber anstelle der vornikonianischen Liturgie zu folgen, praktizierten sie ihre eigenen charismatischen Rituale, bekannt als radenie (abgeleitet vom Begriff für „eifrig handeln“). In vielerlei Hinsicht ähnelten diese Geistbesessenen in Lehre und Ritus christlichen Bewegungen des frühen Christentums, etwa den Montanisten des 2. Jahrhunderts, oder auch Anhängern heutiger Pfingstkirchen. Ihre Praxis umfasste ekstatische Bewegungen oder „Tänze“. Die Gläubigen versammelten sich in einem Raum, sangen Gebete und geistliche Lieder, besonders das Jesusgebet „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, habe Erbarmen mit mir Sünder“. Danach fühlten sie sich selbst vom Heiligen Geist und von der Gabe der Prophetie erfüllt. Die Betonung des Jesusgebetes verbindet diese religiöse Praxis des christlichen Glaubens mit dem Hesychasmus, einer Tradition des Gebetes der Eremiten in der östlichen Orthodoxie.2 Radenie umfasste außerdem Aufführungen in Art von Dramen, in denen entweder das Leben Christi und seiner Apostel oder das Jüngste Gericht dargestellt wurden. Dieses „geistliche Theater“ ähnelte einerseits dem in der ländlichen Kultur Russlands äußert beliebten „Volksdrama“; andererseits waren damit Anspielungen auf die Endzeit und entsprechende Prophezeiungen verbunden. Die Morallehre der Bewegung gipfelte in strenger Askese, die das Verbot von Fleisch- und Alkoholkonsum ebenso wie das Verbot von Rauchen und von Eiden umfasste und sogar die Eheschließung untersagte.

Später, in der Zeit nach 1760, wurden diese Prinzipien von der Bewegung der Selbstkastraten, den so genannten Skopzen, weiter verschärft, denn diese glaubten, der einzige Weg zur Rettung läge in der Selbstkastration. Diese rituelle Praxis existierte im Geheimen in zahlreichen Regionen Russland tatsächlich bis in die 1930er Jahre und umfasste sowohl die Verstümmelung von männlichen als auch von weiblichen Geschlechtsmerkmalen. Wahrscheinlich war dies die exotischste religiöse Bewegung im Europa des 19. Jahrhunderts – dennoch beeinflusste sie sowohl literarische als auch politische Vorstellungen der russischen Eliten im 19. Jahrhundert. Ihr Führer Kondratii Seliwanow (um 1740-1832), den seine Anhänger sowohl für Christus als auch für den 1762 ermordeten Zaren Peter III. hielten, war in mystisch orientierten Adelskreisen im Sankt Petersburg jener Zeit äußerst populär. Später, in den 1820er und 1830er Jahren, wurden die Selbstkastraten zu einer „äußerst gefährlichen Sekte“ erklärt, streng verfolgt bzw. mit Gefängnis und Exil in Ostsibirien bestraft.3

„Russischer volkstümlicher Protestantismus“

In den 1760er Jahren entstanden nicht nur die Skopzen, sondern es entwickelte sich auch ein „russischer populärer Protestantismus“, dessen Wurzeln in Zentralrussland lagen (Gouvernements Tambow und Woronesch) und der auf gegen die Amtskirche und ihre Repräsentanten gerichtete Strömungen zurückging. Ihre Anhänger nannten sich selbst „geistliche Christen“, von den Behörden hingegen wurden sie als „Ikonoklasten“ („Bilderfeinde“) bezeichnet, denn sie verwarfen sowohl die Verehrung von Ikonen als auch die kirchliche Hierarchie und die Sakramente. Die Bewegung entwickelte allerdings eigene Formen geistlicher Leitung. Ihre Anführer wurden als „lebende Ikonen“ verehrt, und man glaubte, sie hätten die absolute geistliche Macht in Händen.

Nach heutigem Forschungsstand sind zwei Gründe für den Aufstieg dieser Bewegung zu nennen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts befand sich die Russische Orthodoxe Kirche in einer ernsthaften Krise, deren Ursache zum einen das Fortbestehen der Altgläubigen war, zum anderen die Auswirkung der Reformen Zar Peters des Großen in den 1720er Jahren, die die Kirche dem weltlichen Staatsapparat völlig unterwarfen. Die Autorität der kirchlichen Hierarchie, die de facto Teil der Staatsbürokratie geworden war, nahm dramatisch ab. Andererseits ging das Anwachsen protestantischer Ideen gerade unter der Landbevölkerung Zentralrusslands wohl auch auf die Verbreitung katechetischer Texte zurück, die nach der Kirchenreform von 1720 erschienen waren und deren Zahl nach der Veröffentlichung der ersten gedruckten kirchenslawischen Bibel seit 1751 erheblich zunahm. Die Bibel wurde nun eine der bedeutendsten Quellen für Lehre, Moral und Riten der Bewegung.

Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert teilte sich die Bewegung in drei Hauptzweige auf: Duchoborzen4, Molokanen und Judaisierende (auch bekannt als Subotniki).

Die Gruppen unterschieden sich in Lehre, rituellen Praktiken und sozialen Strukturen. Die Duchoborzen behielten geistliche Führung und Verehrung „lebender Ikonen“ bei und entwickelten eigene mündliche Traditionen in Form geistlicher Verse, die den Psalmen nachempfunden waren, ritueller Texte und anderem mehr. Die Molokanen verwarfen ebenso wie die Judaisierenden den orthodoxen Kalender zugunsten des jüdischen. Allerdings verstanden sich die Molokanen weiterhin als Christen, die Judaisierenden hingegen nannten sich „Volk vom Gesetz des Mose“ und erkannten nur die fünf Bücher Mose und die Psalmen als geistliche Quellen an. In der religiösen Praxis beider Gruppen bildeten sich Mischformen aus jüdischer Tradition, christlichen Glaubensinhalten und Volkskultur heraus.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde den „Ikonoklasten“ gestattet, sich an der Nordwestküste des Asowschen Meeres unweit des Flusses Molotschnaja niederzulassen.5 Hier erfreuten sie sich relativer religiöser Freiheit und teilweise Selbstverwaltung. In den späten 1840er Jahren wurden sie jedoch gewaltsam in die transkaukasischen Provinzen (d. h. das heutige Armenien, Aserbaidschan, Georgien und Teile der Türkei) vertrieben. Einige der damals gegründeten transkaukasischen Gemeinden existieren bis heute. Nur eine kleine Gruppe von Duchoborzen, Molokanen und Judaisierenden konnte in Innerrussland bleiben oder später dorthin zurückzukehren. Dennoch gibt es seit dem 19. Jahrhundert „freikirchliche“ Gruppen und Gemeinschaften in verschiedenen Regionen Russlands und der Ukraine.6 Diese „ländlichen Protestanten“ (die manchmal Kontakte zu entsprechenden Gruppen westkirchlichen Ursprungs, besonders zu deutschen Mennoniten, unterhielten) bildeten einen wichtigen Teil der religiösen Landschaft in vielen Regionen des Russischen Reiches.

Autoritäten, Intellektuelle und religiöse Abtrünnige

Abgesehen von kurzen Perioden religiöser Toleranz, etwa zu Beginn der Herrschaft Zar Alexanders I., wurden die Mitglieder alternativer christlicher Gemeinden von den weltlichen und geistlichen Behörden des Russischen Reiches als „Häretiker“ oder „Sektierer“ und, politisch gesehen, als „Verdächtige“ verfolgt und der schwersten Verbrechen bezichtigt. So gab es schon Mitte des 18. Jahrhunderts – lange bevor sich die Legende vom „jüdischen Ritualmord“ im 19. Jahrhundert in Russland verbreitete – in Moskau entsprechende Anklagen gegen Angehörige der genannten Gruppen.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass die russischen politischen Dissidenten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts (speziell die Sozialisten und Anarchisten) alle Sektierer als ihre natürlichen Verbündeten und sogar als Pioniere eines Sozialismus auf dem Lande betrachteten. Diese Ansicht, die jeglicher Grundlage entbehrte, inspirierte einige Mitglieder der bolschewistischen Partei, nach einer Allianz mit den religiösen Abtrünnigen zu suchen, was jedoch nach 1917 vom sowjetischen Regime rasch fallen gelassen wurde. Während der stalinistischen Periode der Kollektivierung und der Agrarreform zwischen 1929 und 1933 wurden viele dieser christlichen Gemeinschaften teilweise oder völlig zerstört, ihre Mitglieder entweder ins Gefängnis geworfen oder sogar hingerichtet.

Ein anderes „soziales Experiment“ intellektueller Dissidenten fand in den 1890er Jahren in den Gemeinden der Duchoborzen in Georgien statt. Ein großer Teil verweigerte den Militärdienst und wurde daraufhin von den Autoritäten des Russischen Reiches hart bestraft, was 1899 dazu führte, dass über 7.500 georgische Duchoborzen mit Unterstützung von Leo Tolstoi und seiner Anhänger und mithilfe internationaler Netzwerke von Anarchisten und Pazifisten nach Kanada emigrierten.

Ihre dortige Geschichte verlief ebenfalls ziemlich dramatisch, da sie keinerlei Form von bürgerlichem Leben oder Landbesitz akzeptieren wollten. Die Geschichte der kanadischen Duchoborzen im 20. Jahrhundert ist eine Summe von Konflikten mit den lokalen Behörden.

Verlorene Reformation?

Die dramatischen Veränderungen in der russischen Gesellschaft im 20. Jahrhundert bedeuteten einen harten Schlag für alle Formen und Zweige des russischen Christentums. Nicht nur die Duchoborzen, sondern auch viele andere Gruppen und Gemeinschaften innerhalb der Altgläubigen verließen Russland entweder unmittelbar vor oder nach 1917. Heute gibt es solche Gemeinschaften in allen Teilen der Welt, von Australien über Uruguay und die Vereinigten Staaten bis Kanada. Weiterhin bestehen auch einige Gemeinschaften, die die sowjetische Periode überlebt haben, in Russland und anderen Staaten der früheren UdSSR.

Einige moderne Wissenschaftler fassen die russische „heterodoxe“ Christenheit des 18. und 19. Jahrhunderts als „verlorene Reformation“ zusammen.7 Diese brillante Metapher nimmt jedoch nicht die besonderen sozialen und historischen Umstände in den Blick. Die hier vorgestellten religiösen Bewegungen sind in einer ländlichen Gesellschaft mit ihren eigenen kulturellen Normen, Praktiken und Vorstellungen entstanden und können daher kaum mit der Reformation in West- und Mitteleuropa verglichen werden. Vor allem aber sollte das russische alternative Christentum als eine besondere Form der Reaktion auf die Schaffung eines „regulären“ bürokratischen Staatswesens seit Peter dem Großen interpretiert werden. Obwohl die „geistlich Suchenden“ in den russischen und ukrainischen Dörfern viele Schriftsteller und politische Denker im Russland des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusst haben, scheinen sie de facto keine größere Rolle in den gesellschaftlichen Umwälzungen gespielt zu haben. Sie sind ein kleinerer Teil der ländlichen Gesellschaft, und als solche teilt die russische heterodoxe Christenheit das Schicksal der russischen Gesellschaft und sollte heute als ein etwas exotisches und in gewisser Weise archaisches Stück des russischen kulturellen Erbes betrachtet werden.

Aus dem Englischen übersetzt von Christof Dahm.


Fußnoten:


  1. Gregory Freeze: Institutionalizing Piety: The Church and Popular Religion, 1750 - 1850. In: Jane Burbank (u. a., Hrsg.): Imperial Russia: New Histories for the Empire. Bloomington, IN, 1998, S. 213. 

  2. Vgl. dazu Gregor Hohmann: Reichtum für alle. Die Bedeutung der ostkirchlichen Spiritualität für das westliche Christentum. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 10 (2009), H. 3, S. 203-211 u. insbes. S. 209 (der gedruckten Ausgabe). 

  3. Zur Geschichte dieser Bewegung vgl. Laura Engelstein: Castration and the Heavenly Kingdom: A Russian Folktale. Ithaca, NY, 1999. 

  4. Im wörtlichen Sinn „Geisteskämpfer“. Diese Bezeichnung durch die Behörden sollte eigentlich negativ klingen („Kämpfer gegen den Heiligen Geist“), wurde aber sehr rasch ins Gegenteil verkehrt („Kämpfer für den Heiligen Geist“). 

  5. Einige Forscher leiten den Namen „Molokanen“ von diesem Flussnamen ab. Andere hingegen verweisen auf das Wort „moloko“ (Milch) als Hintergrund, weil die Molokanen in der Fastenzeit entgegen der Vorschriften der orthodoxen Kirche Milch getrunken haben. Molokanen bedeutet dann „Milchtrinker“. 

  6. Vgl. Sergei I. Zhuk: Russia’s Lost Reformation: Peasants, Millenialism, and Radical Sects in Russia and Ukraine. 1830 - 1917. Baltimore, London 2004. 

  7. Zhuk, ebd.