Russland – Polen: eine schwierige Nachbarschaft

aus OWEP 1/2011  •  von Irina Scherbakowa

Zusammenfassung

Im 20. Jahrhundert wurden ungezählte Bürger beider Länder Opfer des stalinistischen Terrors, dessen Aufarbeitung im heutigen Russland nur schleppend in Gang kommt. Ein Blick auf die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts bietet überraschende Beispiele des Miteinanders von Polen und Russen auf kulturellem Gebiet, wodurch das gegenseitige Misstrauen weitgehend abgebaut werden konnten. Neonationalistische Tendenzen in Russland sind jedoch eine stetige Quelle für neue Auseinandersetzungen.

Dr. Irina Scherbakowa, Germanistin und Übersetzerin, ist die Leiterin des Projekts „Allrussischer historischer Schülerwettbewerb“ der Menschenrechtsorganisation „Memorial“.

Eine Geschichte voller traumatischer Ereignisse

Keine anderen zwischenstaatlichen Beziehungen in Osteuropa waren so voller Spannung, Misstrauen und Feindlichkeit wie die russisch-polnischen – im Laufe nicht nur des 20. Jahrhunderts, sondern auch lange davor und nun zwanzig Jahre danach. Es wäre im Rahmen dieser kurzen Überlegungen wohl kaum möglich, diese langjährige Geschichte darzustellen, aber es sollte betont werden, dass viele „schwarze Flecken“ in der Geschichte des Stalinismus auch im Zusammenhang mit Polen stehen.

Gemeint ist damit der Große Terror von 1937/38, in dessen Verlauf die so genannten „nationalen“ Operationen mit der „polnischen“ Operation begannen. Mehr als 140.000 Sowjetbürger polnischer Abstammung wurden verhaftet, über 70 Prozent von ihnen erschossen. Seit dieser Zeit saß die Angst, einen polnisch klingenden Namen zu tragen, jahrelang tief in den Menschen.1 Der Hitler-Stalin-Pakt von 1939, die Teilung Polens und die danach folgenden Ereignisse führten zu einem tiefen Riss in den russisch-polnischen Beziehungen, der manchmal unüberwindbar zu sein schien. Im Herbst 1939 bekamen die sowjetischen Schulkinder einen neuen Schulatlas, in dem der östliche Teil Polens als „Zone der sowjetischen Interessen“ gekennzeichnet war.

„Das imperialistische und reaktionäre Polen fand sein historisches Ende“ – so stand es im Kapitel „Polen“ in dem entsprechenden, 1940 erschienenen Band der Großen Sowjetischen Enzyklopädie. In der Realität bedeutete dies für Hunderttausende von Menschen Flucht und Umherirren „zwischen Stalin und Hitler“. Symbolisch wird dies in der Anfangsszene von Andrzej Wajdas Film „Katyn“ dargestellt, wie im September 1939 auf einer Brücke ein Menschenstrom vor den Sowjets von Osten nach Westen flüchtete, und ein weiterer in die umgekehrte Richtung die Rettung vor den Deutschen sucht. Von nun an hing das menschliche Schicksal davon ab, zu welchem Zeitpunkt und wo man sich befand, denn die sowjetischen Behörden fingen sofort mit den Säuberungen und Deportationen aller „feindlichen“ Elementen an, eine Praxis, die später in den besetzen baltischen Staaten fortgesetzt wurde. Die Deutschen wiederum isolierten die Flüchtlinge und begannen mit der Ermordung von Juden.

Mehr als 420.000 polnische Bürger wurden in den folgenden eineinhalb Jahren nach Sibirien und nach Kasachstan deportiert. Im Frühjahr 1940 folgte die Erschießung von 20.000 in sowjetische Kriegsgefangenschaft geratenen polnischen Offizieren in Katyn, Charkow und Mednoje, später bekannt geworden als das Verbrechen von Katyn. „Katyn“ blieb für mehrere Jahrzehnte in jeder Hinsicht ein Ereignis von historischer Bedeutung, nicht nur in der polnischen Erinnerung, sondern auch für Russland, weil es ein Beweis dessen war, was das russische kollektive Bewusstsein bis heute nicht wahrnehmen will: dass der Zweite Weltkrieg für die UdSSR in gewissem Sinn schon 1939 begonnen hat, als Stalin mit Hitler Polen teilte und man gemeinsame Militärparaden veranstaltete und Kommissionen bildete.

„Katyn“ bedeutet auch die Erinnerung an den Großen Terror in der Sowjetunion, weil die Erschießung der polnischen Offiziere ohne jegliches juristisches Verfahren erfolgte und damit eine Fortsetzung der Massenrepressalien von 1937/38 war. Polnische Offiziere hatten in den Augen Stalins und seiner Handlanger keinen Kriegsgefangenenstatus. Demzufolge wurden sie als „unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht“ erschossen und waren somit keine Bürger des Staates Polen, der in Stalins Augen aufgehört hatte zu existieren. „Katyn“ ist nicht nur die Erinnerung an Verbrechen der sowjetischen Führung, sondern auch an viele kleine namenlos gebliebene Täter, ohne die die Maschine des Terrors nicht so reibungslos hätte funktionieren können. „Katyn“ steht symbolisch für Jahrzehnte lang andauernde Lügen der sowjetischen Propaganda, die das Verbrechen den Nazis in die Schuhe schieben wollte, nicht zuletzt durch Vernichtung von Zeugen und Geheimhaltung der Dokumente.

Kulturelle Brücken in der Nachkriegszeit

Ein dunkler Schatten lag seit dieser Zeit auf den russisch-polnischen Beziehungen. Auch nach dem Tod von Stalin, in der „Tauwetterzeit“ nach 1956, ist das Verbrechen von Katyn nicht aufgeklärt worden. Gerade an diesem Beispiel wird die Begrenztheit und Halbherzigkeit der antistalinistischen Bemühungen von Chruschtschow deutlich. Diese Verheimlichung zwang polnische Angehörige der Erschossenen oft zum Verschweigen und zur Anpassung. Die Angst, die Wahrheit offen zu sagen, war sehr groß. Dasselbe galt auch für diejenigen, die aus der Verbannung und aus den Lagern in der Sowjetunion nach Polen zurück kamen. Trotz der offiziellen „Brüderlichkeit“ im sozialistischen Lager belastete all das die russisch-polnischen zwischenmenschlichen Beziehungen, ganz davon abgesehen, dass in vielen polnischen Familien schon die Urgroßväter in der russischen Verbannung gewesen waren.

Umso wichtiger war es, dass viele Beziehungen und Verbindungen in dieser Zeit entstanden und gewachsen sind. Dabei spielte die Kultur eine große Rolle. Besonders in den Jahren zwischen 1955 und 1980 waren Literatur, Film, Theater und Kunst die sichersten Mittel, mit denen man Brücken über die historischen Abgründe bauen konnte. Die polnische Filmkunst jener Jahre, insbesondere Werke wie „Kanal“ (1956) und „Asche und Diamant“ (1958) von Andrzej Wajda oder die Filme von Krzysztof Zanussi entwickelten sich in den Kreisen der russischen Intellektuellen zu Kultfilmen. Polnische Bücher und Filme stellten die wichtigsten Ereignisse der polnischen Geschichte wie etwa den Warschauer Aufstand von 1944 oder die Tragödie der Kämpfer der Heimatarmee dar. Umgekehrt bildeten russische Literatur und russische Lyrik zwei der wichtigsten kulturellen Quellen für die polnische Kulturelite. Nicht nur die russische Klassik, wie beispielsweise „Dämonen“ von Dostojewski, beschäftigten Andrzej Wajda jahrelang; auch Gedichte und Lieder moderner russischer Lyriker wie Bulat Okudschawa (1924-1997) und Wladimir Wysotzkij wurden in Polen bekannt.

Vor allem entstanden zu dieser Zeit gegenüber Polen ein großes Interesse und sogar ein romantisches Flair seitens der russischen oppositionellen Kulturelite und in den Dissidenten-Kreisen, da Polen zum Symbol eines ungebrochenen Widerstandes wurde, der in einem solchem Ausmaß in Russland nicht denkbar war. Die Entwicklung der Arbeiterbewegung, die Ereignisse in Danzig, die Entstehung von Solidarność und die Rolle der kirchlichen Opposition – all dies verfolgte man in Russland mit großer Spannung. Manche lernten sogar polnisch, um polnische Zeitungen und Zeitschriften lesen zu können, weil man darin mehr über Polen und auch andere Weltereignisse erfahren konnte. Andererseits darf man natürlich nicht vergessen, dass die kommunistische Propaganda ein ganz anderes Bild des sozialistischen Polens zu schaffen versuchte, das auch durch oberflächliche Komödien, Fernsehserien, die Eindrücke touristischer Reisegruppen usw. entstand. Deshalb reagierte man in Russland äußerst gekränkt, als sich in Polen ab Ende der achtziger Jahre offen antirussische Stimmungen zeigten und die Befreiungsrolle der Roten Armee von 1944 nicht mehr akzeptiert wurde.

Neue Wege durch die Perestrojka

Die Wahrheit über Verbrechen des Stalinismus endlich aufzuklären, lautete zu Beginn der Perestrojka eine der wichtigsten Parolen. Somit war es klar, dass die Verbrechen von Katyn endlich aufgedeckt werden mussten. Der erste Schritt in diese Richtung sollte die Veröffentlichung der geheimen Zusatzprotokolle zum Hitler-Stalin-Pakt sein. Dies geschah nach großem Widerstand und Zögern und nur unter dem Druck der Öffentlichkeit der baltischen Staaten und vor allem auch Polens. So hat die Sowjetunion endlich am 13. April 1990 nach 50 Jahren den an polnischen Offizieren begangenen Massenmord durch eine Erklärung der Nachrichtenagentur TASS anerkannt. Etwas später wurde von der Staatsanwaltschaft eine Untersuchungsgruppe gebildet, die eine entsprechende Exhumierung anordnete. Anschließend folgten von 1992 bis 1993 weitere offizielle Schritte durch den damaligen Präsidenten Boris Jelzin, u. a. die Veröffentlichung von geheimen Dokumenten, und seine Kranzniederlegung am Denkmal der Opfer von Katyn in Warschau.

Mit der Öffnung der Archive konnte die Gesellschaft „Memorial“ in Moskau ein polnisches Programm entwickeln und tausende Schicksale von verhafteten und deportierten Menschen erschließen. Als Antwort auf die Anträge der Angehörigen wurden entsprechende Informationen zur Verfügung gestellt.

Enttäuschte Erwartungen und neue Spannungen

Ab dem Jahr 2000 jedoch führten der Richtungswechsel in der russischen Politik und die Mitgliedschaft Polens in der NATO zu immer stärker werdenden Verstimmungen. Vor dem Hintergrund der Versuche, mithilfe der neuen russischen Macht eine neue nationale Identität, die auf alten imperialen Bausteinen gründen sollte, zu schaffen, zeigten sich wieder die nicht bewältigten und nicht wirklich aufgearbeiteten Geister der Vergangenheit. Verstärkt wurde das Misstrauen Moskaus durch Polens Haltung während der „Orangenen Revolution“ in der Ukraine.

In diesen Jahren, und besonders nach 2005, verdrängte das russische kollektive Bewusstsein nicht nur die Verbrechen gegenüber polnischen Offizieren, sondern auch die Erinnerung an stalinistische Massenrepressalien gegenüber dem eigenen Volk. Mehr noch, die Figur Stalins wurde wieder zum Symbol des starken Staates und der heroischen Vergangenheit. Vor allem wurde der Name Stalins erneut zum Symbol des Sieges im „Großen Vaterländischen Krieg“. Es bildete sich aufs Neue ein Kampffeld zwischen Stalinisten und demokratischen Kräften in Bezug auf das Bild Stalins.

Und wiederum wurde die russisch-polnische Geschichte zum Lackmustest, der diese Veränderungen in Richtung eines wachsenden Neonationalismus zeigte. 2005 wurde in Russland ein neuer Feiertag, der „Tag der nationalen Einheit“, eingeführt. Dazu wurde der 4. November 1612 gewählt, ein absolut künstliches und mythologisiertes Datum – der Tag der Vertreibung der polnischen Truppen aus Moskau während der Wirren nach dem Aussterben des russischen Zarenhauses. Dieser neu eingeführte Feiertag wurde von fundamentalistischen und antikatholischen Kreisen innerhalb der Russischen Orthodoxen Kirche unterstützt. Charakteristisch ist der 2007 entstandene propagandistische Spielfilm „1612“, der dieses mythische Datum untermauern sollte. Letztlich war das Ganze ein Fehlschlag: Das Datum „4. November 1612“ ist bisher bei den Russen nicht wirklich „angekommen“.

Wesentlich komplizierter und schwieriger sah es jedoch in Bezug auf den Hitler-Stalin-Pakt und Katyn aus. Hier merkte man die Wirkung der alten Propaganda bis hin zu den neuen Mythen und Verdrängungen, denn in den letzten Jahren erschienen mehrere Publikationen mit neuen und alten Fälschungen, wobei man ständig versuchte, die Verbrechen von Katyn wie in der Nachkriegszeit den Deutschen zuzuschreiben. Die Kommunisten argumentierten mit angeblichen Beweisen, wonach die Dokumente und besonders der maßgebliche Beschluss des Politbüros Fälschungen aus der Zeit der Perestroja seien; außerdem kursierten im Internet zahllose antipolnische Verleumdungen. Als Farce offenbarte sich auch der Prozess, den Jewgenij Dschugaschwili, ein Enkel Stalins, gegen die „Nowaja gazeta“ hinsichtlich der Verantwortung Stalins für die Katyn-Verbrechen führte. Stalins Verantwortung sollte als Lüge abgetan werden – der Enkel verlor jedoch diesen absurden Prozess nicht zuletzt dank der von „Memorial“ vorgelegten einschlägigen Dokumente. Dennoch war es ein Pyrrhussieg für die Wahrheit, denn nach 2005 wurde der Zugang zu den Dokumenten und Archivalien immer mehr erschwert. Ein Teil der Katyn-Dokumente, u. a. die Ergebnisse der Untersuchungskommission aus den neunziger Jahren, wurde wieder gesperrt.2 Die Staatsanwaltschaft stufte die Unterlagen als „geheim“ ein und verweigerte den Angehörigen der Opfer die Rehabilitierung ihrer Familienmitglieder als Opfer unter dem Vorwand, diese seien nicht politisch verurteilt wurden. Die Gesellschaft „Memorial“ hat diesen Beschuss der Staatsanwaltschaft mehrere Male ergebnislos juristisch angefochten. Es scheint wieder einmal eine endlose Geschichte zu werden.

Der 10. April 2010 – ein Wendepunkt?

Die Entwicklungen in Europa, die Wirtschaftskrise und die Beziehungen Russlands zur EU ebneten schließlich den Weg zu einer realistischeren Politik gegenüber Polen. Dabei wurde wohl auch der russischen Führung endlich klar, dass keine wirkliche Wende denkbar ist, ohne die Geister der Vergangenheit zu vertreiben. Im Frühjahr 2010 folgte die offizielle Einladung an den polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk nach Smolensk anlässlich der gemeinsamen Trauerfeier zum 70. Jahrestag von Katyn. Auch die folgende unglaubliche Tragödie des Flugzeugabsturzes einer polnischen Delegation, an deren Spitze Staatspräsident Lech Kaczyński stand, schien die russische öffentliche Meinung zu ändern. Vor allem waren der Schock und die Gesten des Mitgefühls vieler Russen ein Zeichen dafür. Der bereits oben erwähnte Film „Katyn“ (2007), der zuvor nur von „Memorial“ in einigen wenigen geschlossenen Veranstaltungen gezeigt werden konnte und von Kommunisten und Stalinisten stets angegriffen wurde, wurde nun auf staatlichen Kanälen des russischen Fernsehens gezeigt.

Diese Tendenzen stehen in einem gewissen Zusammenhang mit dem wachsenden Widerstand der russischen Gesellschaft gegen die Versuche, Stalin wieder zu glorifizieren, und passen zu den Aussagen des russischen Präsidenten Medwedjew, in denen er die Massenverbrechen des Stalinismus verurteilt. Zudem folgten einige konkrete Schritte, u. a. die Übergabe einiger Katyn-Dokumente an Polen und ein Beschluss der Duma vom November 2010, der Stalin und seine Handlanger für das Verbrechen gegenüber den polnischen Offizieren verantwortlich machte. All das hätte man sich vor ein paar Jahren kaum vorstellen können.

Natürlich bedeuten diese neuesten Entwicklungen nicht, dass von nun an alles nur in die positive Richtung verlaufen wird. Auch der Kampf um die unter Verschluss befindlichen Archivdokumente ist nach wie vor erfolglos, und auch die Opfer selbst sind noch nicht rehabilitiert. Immerhin ist gerade der erwähnte Parlamentsbeschluss eines der wenigen positiven Beispiele aus Russland dafür, dass weiterhin die Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung besteht und eine ernsthafte Aufarbeitung der Vergangenheit möglich sein wird.


Fußnoten:


  1. Vgl. zum Hintergrund http://www.memo.ru/history/polacy/vved/index.htm (letzter Zugriff: 24.11.2015). ↩︎

  2. Vgl. auch http://www.urokiistorii.ru/current/view/2010/16/katyn-pravo (letzter Zugriff: 24.11.2015). ↩︎