„Der Krieg, er zieht sich etwas hin“

20 Jahre OST-WEST. Europäische Perspektiven – Bilanz und Ausblick
aus OWEP 3/2020  •  von Michael Albus

Prof. Dr. Michael Albus (geb. 1942) ist ein deutscher Theologe, TV-Journalist und Buchautor. 1971 bis 1976 leitete er die Referate für Presse, Publizistik und Kultur beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken, danach bis 1985 die Redaktion Kirche und Leben (kath.) beim ZDF. Bis 1998 war er Leiter der Hauptredaktion „Kinder, Jugend und Familie“ beim ZDF. Seit 2002 ist er Honorarprofessor für Religionsdidaktik der Medien an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg im Breisgau.

Zusammenfassung

Im Frühjahr 2020 ist mit dem Ausscheiden von Michael Albus aus der Redaktion von „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ eine Ära zu Ende gegangen. Als verantwortlicher Redakteur hat er die Entwicklung der Zeitschrift maßgeblich geprägt. In seinen nachfolgenden Gedanken bilden die Worte „Der Krieg, er zieht sich etwas hin“ eine Art Refrain – Appell und Auftrag zugleich, die Menschen in Mittel-, Ost- und Südosteuropa in ihren Problemen weiterhin ernst zu nehmen. Es gibt in Europa, auch wenn es viele nicht wahr haben wollen, immer noch Krieg, aber auch Hoffnung auf eine bessere friedliche Zukunft.

In Bert Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ – das Stück spielt im Dreißigjährigen Krieg – singt, des Marschierens überdrüssig, Mutter Courage am Ende ein Lied, das wie folgt anfängt:

Mit seinem Glück, seiner Gefahre
Der Krieg, er zieht sich etwas hin.
Der Krieg, er dauert hundert Jahre
Der g´meine Mann hat kein Gewinn.

Als im Jahr 2000 die Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ erstmals erschien, begann die Arbeit der Redaktion nicht im luftleeren Raum. Sie hatte schon eine vier Jahrzehnte lange Vorgeschichte im 1961 vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gegründeten „Katholischen Arbeitskreis für zeitgeschichtliche Fragen“, dessen erste und wichtigste Aufgabe die Herausgabe des „Ost-West Informationsdienstes“ war. – Der damalige Generalsekretär des ZdK, Dr. Friedrich Kronenberg schrieb in der letzten Ausgabe des Informationsdienstes (Nr. 203, 1999, S. 72): „Geschäftsführer und Redakteur des Informationsdienstes wurde Dr. Herbert Prauß, der vom kommunistischen Zentralkomitee in Berlin zum katholischen Zentralkomitee in Bonn wechselte, um ‚Glaubens- und Gewissensfreiheit … zu gewinnen‘. Dr. Herbert Prauß blieb Redakteur bis 1974. In den dann folgenden 25 Jahren bis heute lag die Verantwortung für den Informationsdienst bei Dr. Michael Albus (Chefredakteur) sowie Wolfgang Grycz und Prof. Dr. Paul Roth.“ – Diese 25 Jahre intensiver Erfahrungen brachte ich mit, als ich 2000, neben meiner Tätigkeit beim ZDF, die Chefredaktion dieser Zeitschrift für die folgenden 20 Jahre übernahm.

Zielvorgabe: Das gegenseitige Verständnis fördern

Die Zielvorgabe für die redaktionelle Arbeit hat Pater Eugen Hillengass SJ, der erste Hauptgeschäftsführer von Renovabis, zusammen mit dem ZdK Herausgeber von OST-WEST, 1999 so formuliert:

Schwerpunktmäßig wird die Zeitschrift die Situation in den mitteleuropäischen Transformationsländern, in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion, einschließlich der transkaukasischen und mittelasiatischen Republiken, sowie im ehemaligen Jugoslawien und in Albanien beleuchten. Die neuen Bundesländer (d. h. die ehemalige DDR) bilden keinen Schwerpunkt mehr, können aber durchaus von Zeit zu Zeit in länderübergreifende Darstellungen einbezogen werden, die sich mit der kommunistischen Vergangenheit befassen. Neben westlichen Autoren … sollen in Zukunft verstärkt auch Autorinnen und Autoren aus unseren östlichen und südöstlichen Nachbarländern zu Wort kommen …
Mit der neuen Publikation möchten die Herausgeber den Aufbruch in ein neues Jahrtausend begleiten, die Entwicklungen in den Ländern Mittel- und Osteuropas kritisch reflektieren und auf diese Weise zum Zusammenwachsen der Völker in Ost- und Westeuropa beitragen. Wenn es der Zeitschrift gelingt, das gegenseitige Verständnis zu fördern und auf diese Weise einen kleinen Beitrag zu leisten, dass sich die Beziehungen zwischen den Menschen in Europa von der Konfrontation zur Kooperation wandeln, dann hat sie ihr Ziel erreicht“.

Das war eine klare Vorgabe der Herausgeber – und wir machten uns an die Arbeit. Wir, das waren damals Wolfgang Grycz († 2020), der mit mir aus der Redaktion des alten Informationsdienstes kam, Dr. Johannes Oeldemann von Renovabis als „Redakteur vom Dienst“, der nach einem Jahr in dieser Aufgabe von Dr. Christof Dahm abgelöst wurde, Dr. Gerhard Albert, Geschäftsführer von Renovabis, sowie Prof. Dr. Thomas Bremer, der am Ökumenischen Institut der Theologischen Fakultät in Münster lehrt und ein Spezialist für die Kirchen des Ostens ist. Eine Zeitlang gehörte auch Burkhard Haneke, ebenfalls Geschäftsführer von Renovabis, zur Redaktion. Und neu hinzu kam nach einigen Jahren, in der Nachfolge von Wolfgang Grycz, Dr. Matthias Kneip vom Polen-Institut in Darmstadt, ein exzellenter Polenkenner. Zuletzt trat dann in der Nachfolge von Burkhard Haneke Dr. Markus Ingenlath aus der Geschäftsführung von Renovabis in die Redaktion ein.

Gut schreiben – Schwierige Sachverhalte kompetent vermitteln

Ich sage vorweg allen einen herzlichen Dank für die gute Zusammenarbeit. Wir haben uns manchmal auseinandergesetzt, um uns danach „ineinander zu setzen“. Es war spannend. Jeder brachte aus seinem Netzwerk eine Fülle von Namen und Themen mit. Das war am Anfang besonders wichtig, denn wir mussten uns erst einen Stamm von guten Autorinnen und Autoren aus Mittel- und Osteuropa aufbauen. Ich bemerkte in den Anfangsjahren noch eine gewisse Scheu bei manchen Autorinnen und Autoren von dort – Nachwehen der ertragenen oder auch erlittenen Unfreiheit, sich öffentlich frei und ohne Gefahr zu äußern. Heute kann ich sagen: Wir haben ein verlässliches Panel von erstklassigen Fachleuten, die neben ihrem Sachverstand auch persönliche Erfahrungen mitbringen. Das war und ist wichtig. Warum?

Dass dies wichtig war und immer noch ist, geht aus der Tatsache hervor, dass sich OWEP als eine in erster Linie journalistische Einrichtung mit einem ausdrücklichen „Mehr“ an speziellem Sachverstand verstand und versteht. Das verlangte und verlangt eine fortlaufend erneuerte Kompetenz in zum Teil sehr differenzierten und komplexen Themenfeldern.

Hinzu kam noch ein weiterer Aspekt: Der gesamte Themenbereich „Ost- und Mitteleuropa“ stand damals nicht im Brennpunkt des westlichen Interesses. Diese Region Europas kam – wie ein vergessener Kontinent – einer fremden Welt vor der eigenen Haustür gleich. Mir scheint, dass das westliche Desinteresse heute wieder zunimmt. Auch, weil die „Orbáns“ sich zu vermehren beginnen, denen lediglich die westlichen finanziellen Zuwendungen wichtig zu sein scheinen, nicht aber die größer werdenden europäischen Herausforderungen. Dies wirft schwierige Fragen auf, und wir werden versuchen müssen, dass unsere Arbeit mithilft, durch produktive und kontroverse Diskussionen in der Zeitschrift Antworten darauf zu finden. – „Der Krieg, er zieht sich etwas hin.“

Religionen – Europa ist Missionsland geworden

Um konkret zu werden: Von Anfang an war, schon im Blick auf unsere Herausgeberinstitutionen ZdK und Renovabis, die Frage der Religionen, Kirchen und Glaubensgemeinschaften in Mittel- und Osteuropa von zentraler Bedeutung. Diesem Bereich haben wir stets große Aufmerksamkeit geschenkt. Und das sollte auch so bleiben. Denn inzwischen ist Mittel- und Osteuropa auch vom Tsunami der Säkularisierung erfasst worden, der vorher bereits über den Westen des Kontinents hinweggegangen ist. Mit Folgen, die erst langsam in den großen Krisen zutage treten. Damit meine ich nicht den Rückgang oder das Verschwinden von „Religion“, sondern den Einflussverlust, die verschwundene Prägekraft der Kirchen und Glaubensgemeinschaften.

Damit meine ich auch die dadurch frei gesetzten destruktiven Kräfte von Religion. Ich nenne nur die militante Version des Islam. Oder auch die so genannten Neureligionen, die sich zum Teil aus der alten heidnischen Unterwelt speisen. Auch diesen Themen haben wir immer wieder Aufmerksamkeit geschenkt. Das führt unmittelbar zu der im Grunde entscheidenden Frage nach den geistigen und moralischen Grundlagen des europäischen Kontinents. – Wie wollen wir als Europäerinnen und Europäer leben? Das ist auch eine religiöse Frage, deren Beantwortung man nicht durch Abstimmungen herbeiführen kann. Sie muss vielmehr wachsen, braucht Zeit in einer immer schneller vom Mythos wachsender Beschleunigung getriebenen Welt. Religionen, Kirchen, Glaubensgemeinschaften könnten hier „tätig“ werden. Aber Faktum ist: großflächiges Schweigen im Walde der (noch) institutionellen Sicherheiten. Es gibt bemerkenswerte Inseln im Meer der Säkularisierung. Taizé in Burgund ist eine davon – wir haben darüber berichtet, ebenso über Klöster in Mittel- und Osteuropa. Oder über die Friedensschulen in Bosnien und Herzegowina, in denen die langfristigen Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens nicht nur der Religionen gelegt werden. Europa ist Missionsland geworden. Auch hier: „Der Krieg, er zieht sich etwas hin.“

In den größeren Zusammenhang dieses Themas gehören auch die besonderen „Orte“ in den Ländern Mittel- und Osteuropas wie Städte, Straßen und Plätze, die meist symbolischen Charakter haben. Hierzu zählen auch die Landschaften mit ihren Bergen, Flüssen und Meeren. Wenn wir diese „Gegenstände“ in Themenheften aufgegriffen haben, wurde das Echo der Leserinnen und Leser vernehmbarer.

Drei eigene Erfahrungen mit Symbolcharakter

Für mich gab es in den 20 Jahren meiner Arbeit in der Zeitschrift drei Beispiele, die mir als Symbolerfahrungen für den europäischen Weg ins Bewusstsein getreten sind.

Zum zwanzigsten Jahrestag der Wende bin ich 2009 mit dem Zug durch Europa gefahren und habe mit sechs Zeitzeugen aus Deutschland, Polen, Russland, Tschechien und der Ukraine persönliche Gespräche geführt. Ich will ihre Namen nennen: Władysław Bartoszewski, Tatjana Goritschewa, Tomáš Halík, Jiři Kaplan, Hellmut Puschmann, Friedrich Schorlemmer. In diesen Gesprächen war alles, was im Rahmen der europäischen Wiedervereinigung von ihnen persönlich erlebt wurde, ganz nah. Ängste und Hoffnungen wurden ganz offen ausgesprochen, und mir wurde klar, wie wichtig die direkten Begegnungen mit Zeitzeugen für unsere Arbeit an der Zeitschrift sind und sein werden.

Im Jahre 2011 war ich für eine Reportage über die „Schulen für Europa“ in Sarajevo, wohnte dort mit den christlichen und muslimischen Schülerinnen und Schülern zusammen, nahm an ihrem schulischen Alltag teil und führte viele Gespräche mit ihnen und ihren Lehrerinnen und Lehrern. Ich sprach dort auch mit Dr. Pero Sudar, dem damaligen Weihbischof von Sarajevo und „Ideen-Vater“ dieser Schulen. Er war keiner, der vorbeiging, weil er Wichtigeres zu tun hatte. Er tat etwas. Seine Arbeit für den Frieden zwischen den Religionen ist wegweisend nicht nur für Mittel- und Osteuropa.

Zweimal war ich für Reportagen in der Ukraine. 2015, unmittelbar nach dem Majdan, und 2020, fünf Jahre danach. Das Land ist „Zeigeland“ für die Hoffnungen, Bedrohungen, Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der mittel- und osteuropäischen Gegenwart. Auch dort sind mir Menschen begegnet, die durch persönlichen, konkreten Einsatz sich gegen die Hoffnungslosigkeit stemmen und dem Rad in die Speichen greifen. Das geht nicht ohne Scheitern ab. Aber es gibt auch das Gelingen. Beispiel dort war und ist für mich die Caritas der Ukraine. Auch hier will ich einen Namen nennen: Andrij Waskowycz, Präsident der griechisch-katholischen Caritas Ukraine, und alle seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie leisten unter schwierigsten Umständen unbeirrbar Friedensarbeit. – Und wieder: „Der Krieg, er zieht sich etwas hin.“

Ein Letztes noch: Die Ausrichtung der Zeitschrift auf den Westen Europas muss dringend ausgebaut werden. Sie war bislang zu wenig im Blick. Das war verständlich aus Gründen der nahen zeitlichen Vergangenheit. Aber heute, wo wieder heimliche und unheimliche Zäune und Mauern zwischen West und Ost in Europa errichtet werden, braucht es dringend den Austausch. Wir im Westen können vom Osten etwas lernen. Und umgekehrt. Wir dürfen uns nicht verschließen und meinen, wir wüssten schon alles. Wir dürfen das Vorurteil nicht zum Urteil werden lassen.

In den 20 Jahren meiner Redaktionstätigkeit habe ich – mit und von meinen Kollegen – gelernt, eine journalistisch nur schwer erträgliche Geduld zu entwickeln und im Bohren dicker Bretter nicht nachzulassen. Dafür bin ich dankbar.

Ein besonderer Dank geht noch an Christof Dahm, den „Redakteur vom Dienst“. Er hat durch seine umsichtige, kompetente Kreativität der Zeitschrift ein schönes Aus- und Ansehen gegeben. Das ist nicht zu unterschätzen, auch nicht von der Arbeitsfülle her.

Ich kehre zur Mutter Courage und ihrem Lied zurück, das ich am Anfang erwähnte. Das Lied geht weiter. Auch wenn der Krieg sich immer noch hinzieht, lebt Hoffnung. Die wird aber nur bleiben, wenn uns bewusst ist und bleibt, dass wir an und für etwas arbeiten, das wir, bei aller Mühe und Kompetenz, nicht selbst werden vollenden können.

Und so singt – mitten im Krieg – Mutter Courage weiter:

Jedoch vielleicht geschehn noch Wunder:
Der Feldzug ist noch nicht zu End!
Das Frühjahr kommt! Wach auf, du Christ!
Der Schnee schmilzt weg! Die Toten ruhn!
Und was noch nicht gestorben ist
Das macht sich auf die Socken nun.

Das wünsche ich auch meiner Kollegin und Nachfolgerin Gemma Pörzgen.