Eine afrikanische Perspektive auf den Ukraine-Krieg und Europa
Zusammenfassung
Auch in Ghana beschäftigte die Lage in Europa und der Krieg in der Ukraine die Öffentlichkeit. Einige Studentinnen und Studenten mussten aus ihrem Gastland fliehen und warten nun auf das Kriegende, um ihr Studium abschließen zu können. Die Erwartungen an Europa sind unverändert groß.
Die 23-jährige Princilla Adjar verließ Ghana, als sie noch ein Teenager war und ging nach Czernowitz in der Westukraine. Dort hat sie viereinhalb Jahre lang Medizin studiert, bis Russland das Land überfiel.
Ihr Traum - und der von Hunderten weiteren ghanaischen Studenten - in der Ukraine wurde zerstört, als sie plötzlich gezwungen war, aus ihrem Gastland zu fliehen. „Ich erinnere mich, dass ich zitterte, als wir erfuhren, dass wir nach Hause gehen sollten“, sagt Adjar. Sie gehörte zu der ersten Studentengruppe, die im März 2022 aus der Ukraine in die ghanaische Hauptstadt Accra zurückkehrte.
Adjar sitzt zwar inzwischen erleichtert zuhause, aber erzählt, wie verheerend es für sie war, ihr Studium in Europa abbrechen zu müssen. Sie ließ alles zurück, was sie sich in ihrem Gastland in den vergangenen Jahren aufgebaut hatte. „Es war sehr entmutigend und schwer für uns“, sagt die junge Frau rückblickend. Schließlich weiß sie auch nicht, ob und wo sie ihr Medizinstudium abschließen kann.
In Afrika gibt es tausende Studenten und Studentinnen wie Adjar, deren Traum von einer sicheren, guten Ausbildung in der Ukraine jetzt zum Alptraum wurde. Das hat viele Familien auf dem afrikanischen Kontinent in Angst und Schrecken versetzt. Normalerweise interessieren sich die Ghanaer nicht so sehr für die Ereignisse in Europa, doch durch den Ukraine-Krieg hat sich das verändert.
Der Traum wird zum Alptraum
Als die Diskussionen über den Krieg und die mögliche Gefahr für afrikanische Studentinnen und Studenten die Medien beherrschten, drängten viele Eltern darauf, dass ihre Kinder aus der Ukraine evakuiert werden sollten. Auch Princillas Vater Samuel war in großer Sorge um seine Tochter. Seit ihrer Rückkehr ist er erleichtert. „Die Angst erinnert an die Geschehnisse von 2014, als mein Sohn auch in der Ukraine war. Auch damals gab schon eine Invasion durch Russland”, sagt Samuel. Er hatte sich vorher nie Gedanken darüber gemacht, was in Europa geschah. Aber der weit entfernte Krieg wurde zum emotionalen Trauma, das die ganze Familie belastet hat.
Trotzdem glaubt der Vater immer noch, dass seine Tochter in Europa die beste Ausbildung erhalten könne. Er betet dafür, dass die Vereinten Nationen, die EU und die Staatengemeinschaft auf den russischen Präsidenten Wladimir Putin einwirken, um den Krieg bald zu beenden. Er hofft darauf, dass die ukrainische Universität seiner Tochter wieder eröffnet wird und die Studenten dorthin zurückkehren können, um ihre Kurse abzuschließen. Dann könnten sie eines Tages nach abgeschlossenem Studium nach Afrika zurückkehren und ihrem Land dienen, meint er.
Jahrzehntelang hat Europa dem Rest der Welt ein integratives, demokratisches Gesellschaftssystem geboten, dessen Grundsätze andere Nationen, auch in Afrika, angezogen haben und weiterhin anziehen. „Europa bleibt eine starke Kraft“, sagt der Sozialaktivist und Dozent an der Accra City University in Ghana Makafui Awuku - trotz des Krieges in der Ukraine. Aus seiner Sicht hat sich der europäische Einfluss weltweit „nicht sehr verändert”. Immer mehr junge Menschen vor allem aus Entwicklungsländern träumten unverändert von Europa als einem Ort, an dem sie ihre Träume von einem erfolgreichen Leben verwirklichen können.
„Der Krieg in der Ukraine hat Europa sogar stärker gemacht, als wir es kennen“, sagt auch ghanaische politische Analyst Adib Saani. Er spricht von einem sichtbaren Umdenken in den meisten europäischen Ländern. Darin zeige sich eine neue Bereitschaft, Grenzen zu überwinden und sich gegenseitig zu helfen. Weil jedes Land fürchte, ein ähnliches Schicksal wie die Ukraine zu erleiden, würden vorbeugende Maßnahmen ergriffen, sagt er.
Die Europäischen Union hat schon immer einen Schwerpunkt auf die wirtschaftliche Integration gelegt. Einige afrikanische Analysten beobachten jetzt eine stärkere Hinwendung zur sicherheitspolitischen Integration innerhalb der EU. Saani zufolge ist der Wunsch von immer mehr europäischen Ländern, sich zu militarisieren, ein Hinweis darauf, wie schnell sich der Kontinent verändert.
„In der Vergangenheit waren viele europäische Länder, insbesondere die nordischen Länder, an einer militärischen Integration nicht sehr interessiert”, sagt Saani und verweist auf die langjährige Neutralität Schwedens und Finnlands, die jetzt sogar eine NATO-Mitgliedschaft anstreben.
Afrikas besserer Ansatz zur Staatenbildung
In den Augen vieler Afrikaner führt Russland einen Kampf mit dem Ziel, die Auflösung der Sowjetunion rückgängig zu machen. Kenias UN-Botschafter Martin Kimani sagte im Februar 2022 in einer vielbeachteten Rede vor dem UN-Sicherheitsrat, dass fast jedes afrikanische Land durch das Ende eines Imperiums entstanden sei.
„Hätten wir uns dafür entschieden, Staaten auf der Grundlage ethnischer, rassischer oder religiöser Homogenität anzustreben, würden wir heute, viele Jahrzehnte später, immer noch blutige Kriege führen.” Kimani fuhr fort: „Wir haben uns entschieden, statt Nationen zu bilden, die mit einer gefährlichen Nostalgie in die Geschichte zurückblicken, nach vorne zu blicken auf eine Größe, die keine unserer vielen Nationen und Völker je gekannt hat”.
Der kenianische Botschafter machte deutlich, dass Europa und Russland von den Erfahrungen Afrikas lernen könnten, um den Ukraine-Krieg zu beenden, indem sie sich zusammenschließen, anstatt zu versuchen, Gebiete zurückzuerobern.
In der Vergangenheit hat Europa immer behauptet, seine außenpolitische Strategie unterscheide sich deutlich von der der USA. Aber Sicherheitsexperten wie Saani sagen, dass der Ukraine-Krieg die außenpolitische Ausrichtung Europas offengelegt hat. „Wir beginnen zu erkennen, dass die europäische Außenpolitik sehr stark mit der US-amerikanischen übereinstimmt”, so Saani. Es sei nun offensichtlich, wie abhängig Europa von den USA sei.
Annäherung an eine Flüchtlingskrise
Die Art und Weise, wie Europa in der Vergangenheit mit afrikanischen Migranten umgegangen sei, kritisiert Saani scharf. Mit den Flüchtlingen aus der Ukraine werde jetzt anders verfahren. Für sie wurden innerhalb der EU Sonderregelungen geschaffen, um den Druck auf die nationalen Asylsysteme zu verringern und den Vertriebenen EU-weit einheitliche Rechte zu gewähren. So erhalten ukrainische Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in der EU ein Aufenthaltsrecht, einen legalen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Wohnraum, medizinischer Versorgung und können ihre Kinder einschulen.
Dagegen berichteten viele Afrikaner über ihre Frustration angesichts des angeblichen Rassismus während ihrer Flucht aus dem Ukraine-Krieg – ein Thema, das in den ghanaischen Medien viel behandelt wurde. Princilla Adjar erzählte beispielsweise, wie schwierig es war, aus der Ukraine sicher herauszukommen. „Wir stiegen aus dem Bus aus und mussten mehr als anderthalb Stunden zu Fuß gehen, bis wir die Grenze erreichten, an der Chaos herrschte”, beschreibt sie die Lage. „Da waren so viele Menschen: Ukrainer, Ghanaer, Nigerianer, Simbabwer, Äthiopier, Ägypter, Inder, und alle versuchten, einen Weg aus dem Land zu finden.” Das habe zu rassistischen Vorfällen gegenüber Afrikanern geführt.
„Wir haben auch ein großes Interesse der EU-Bürger an den Geschehnissen in der Ukraine erlebt, wir haben gesehen, wie Flüchtlinge aus der Ukraine in Ungarn willkommen geheißen wurden, einem Land, das Flüchtlinge immer abgelehnt hat”, sagt Saani dazu. Für ihn wird genau darin der derzeitige Wandel in der Denkweise und Herangehensweise der europäischen Nationen deutlich.
Steigende Lebenshaltungskosten
Die Kraftstoffpreise sind durch den Krieg in der Ukraine erheblich gestiegen und steigen weiter an. Auch dadurch wird das Thema unter Afrikanern viel diskutiert. Nana Ama, eine Mutter von zwei Kindern in Accra, sagt: „Die Regierung behauptet, der Krieg in der Ukraine wirke sich auf die Kraftstoffpreise aus. Ich möchte, dass dieser Krieg endlich endet. Es ist schwierig, bei diesen hohen Lebenshaltungs-kosten zu überleben.“
Es gibt in Ghana viele Menschen wie Nana Ama, die jetzt ganz anders beschäftigt, was in Europa geschieht, weil es sich unmittelbar auf ihr alltägliches Leben auswirkt. „Der Krieg und das, was in Europa passiert, ist mir wirklich egal, da es weit weg von Ghana ist“, sagt die Mutter. „Aber wenn es auch bei uns die Preise für Waren in die Höhe treibt, dann ist das traurig“, findet sie.
Europa ist schon lange stark abhängig von russischem Gas. Der Krieg in der Ukraine hat die europäischen Länder dazu gebracht, über Auswege nachzudenken. Europa will seine Abhängigkeit von den Importen fossiler Brennstoffe aus Russland beenden. Für einige afrikanische Experten ist es eine gute Nachricht, dass nun auch Gasproduzenten aus anderen Kontinenten einschließlich Afrika in Betracht gezogen werden.
Der Chefökonom der Policy Initiative for Economic Development in Africa Daniel Amateye Anim-Prempeh fordert, Europa müsse eine weitere Eskalation der Wirtschaftskrise verhindern.
Er möchte, dass Europa seine Zusammenarbeit mit Kontinenten wie Afrika überdenkt und „diese Dynamik” respektiert. Er sagt: „Der einzige Weg für sie ist Afrika. Afrika ist ein sehr großer Markt für sie. Sie müssen sich mit dieser besonderen Beziehung auseinandersetzen”.
Der Analyst Awuku, der auch ein Aktivist für ökologische Nachhaltigkeit ist, glaubt, Europa müsse seinen Fokus auf Investitionen in nachhaltige Energiequellen richten und nicht nur nach alternativen Gaslieferungen suchen. „Sie müssen auch darüber nachdenken, ob sie jetzt mehr Geld in nachhaltige Energiequellen wie Wind-, Wasser- und Solarenergie investieren können, um ihre Abhängigkeit von Russland und den traditionellen Energiequellen, die einen großen Kohlenstoff-Fußabdruck verursachen, zu verringern.“
Für Leute wie ihn wird Afrika ein wichtiger Partner auf diesem Weg für Europa bleiben.
Der Einfluss Europas ist nach wie vor groß
Europa ist nicht nur eine mächtige politische Union, die global agiert, sondern auch ein Geldgeber, insbesondere für Entwicklungsländer. Tausende von Menschen aus diesen Staaten betrachten Europa als den Ort, an dem sie eine große Chance auf eine erfolgreiche Zukunft haben. Das zeigt sich auch an der Zahl der jungen Menschen, die ihr Leben riskieren, um über das Mittelmeer dorthin zu gelangen.
Aber Europa ist nicht mehr nur der einzige Partner neben den USA. Auch China, Russland, die Türkei und Indien gehören zu den größeren Volkswirtschaften, die in Afrika nach Chancen suchen.
„Der Einfluss Europas auf Afrika hat abgenommen, da China und einige andere Partner beginnen, in Afrika Fuß zu fassen, aber ich meine, dass Europa immer noch ein wichtiger Partner für die meisten afrikanischen Länder ist“, sagt Awuku.
Seit ihrer Gründung im Jahr 2002 hat die Afrikanische Union keinen wichtigeren Partner als die Europäische Union (EU) gefunden.
Der Zugang zu Handel und Entwicklung war weitgehend der Trumpf, der die Grundlage für die Beziehungen zwischen afrikanischen und europäischen Ländern bildete.
Der Wirtschaftswissenschaftler Anim-Prempeh sagt, dass es für Europa an der Zeit sei, in Afrika zu investieren und faire Verträge mit dem Kontinent zu schließen. Awuku stimmt dem zu und erwartet, dass Europa nach Afrika zurückkehrt, um einige seiner Partnerschaften in verschiedenen Sektoren zu vertiefen. „Vieles wird sich ändern, die Dinge werden sich schneller ändern, es wird mehr Investitionen in grüne und nachhaltige Energie geben, weil der Krieg einen Einfluss darauf hat“, sagt Awuku.
Europa muss auf Afrika blicken
Saani erwartet, dass Europa Afrika in naher Zukunft ernster nehmen wird. „Sie werden ihr Engagement für die Entwicklung des Kontinents ebenso überdenken wie die unendlichen Möglichkeiten, die sich dort bieten.“ Die Lektion sei, dass alle darauf hinarbeiten müssten, die Lebensbedingungen auf der ganzen Welt zu verbessern, fordert Anim-Prempeh. „Europa sollte in der Lage sein, all diese Dynamiken in einem breiteren Spektrum zu betrachten.“
Vielleicht sei der Krieg zum richtigen Zeitpunkt für den Kontinent gekommen. „Aus meiner Sicht ist Europa auf diese Weise eher gestärkt worden“, meint er.
Princilla Adjar denkt immer noch an die Ukraine und ihren Traum vom Studium in Europa. „Wir machen uns Sorgen, dass wir nicht so bald wieder weiterstudieren können.“, sagt sie. „Russland hat es jetzt auf wichtige Infrastrukturen abgesehen, und ich weiß nicht, ob unsere Universitätsgebäude verschont bleiben werden. Es ist also ziemlich beunruhigend.“
Sie weiß, dass der Krieg noch lange nicht vorbei ist und es sicherlich keine Gewinner geben wird. Dennoch hofft sie auf ein baldiges Ende, denn Europa ist immer noch ein wichtiger Ort für junge Menschen wie Princilla, die sich nach einer besseren Zukunft sehnen.