20. Mai 2020

Wechsel an der Spitze der Redaktion

Gemma Pörzgen (Foto: privat)

Zum 1. April 2020 hat Gemma Pörzgen die Chefredaktion der Zeitschrift „OST-WEST. Europäische Perspektiven“ übernommen. Sie arbeitet als freie Journalistin mit Osteuropa-Schwerpunkt in Berlin, ist in der Redaktion von Deutschlandfunk Kultur tätig sowie als Autorin, Veranstaltungsmoderatorin und Medienberaterin. Sie ist Mitbegründerin und ehrenamtliches Vorstandsmitglied von „Reporter ohne Grenzen“.

Mit Gemma Pörzgen sprach Christof Dahm, Redakteur vom Dienst von OST-WEST. Europäische Perspektiven.


Was verbindet Sie mit Osteuropa?

Ich bin als bundesdeutsches Kind die ersten zwölf Jahre in Moskau aufgewachsen. Mein Vater war dort über viele Jahre Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Dadurch bin ich zweisprachig mit Deutsch und Russisch aufgewachsen und fühle mich in beiden Kulturen zuhause. Diese Erfahrung hat mein ganzes Leben tief geprägt, zumal ich immer in den Sommerferien zur Großmutter nach Deutschland fuhr und sich das mitten im Kalten Krieg so anfühlte, als käme man vom Mond. Die Vorurteile gegenüber der Sowjetunion waren groß, die Unkenntnis über Land und Leute sehr verbreitet. Deshalb lag es nahe, dass für mich die Vermittlung zwischen diesen unterschiedlichen Welten bis heute ein wichtiges Anliegen ist.

Als Journalistin hat es Sie aber in andere Weltgegenden verschlagen?

Als Journalistin ist man natürlich neugierig, deshalb haben mich auch andere Länder sehr fasziniert. Ich habe als junge Kollegin in Südafrika gearbeitet, dann ein Jahr in Paris. Später war ich Auslandskorrespondentin auf dem Balkan und habe diese Region intensiv bereist und sehr geliebt. Die Berichterstattung aus Israel und Palästina war dann eine sehr tiefgreifende Beschäftigung mit den Problemen des Nahen Ostens, wobei es durch die vielen Einwanderer aus der früheren Sowjetunion auch wieder Anknüpfungspunkte gab mit den mir vertrauten Themen.

Was verbindet diese journalistischen Erfahrungen?

Für mich ist Vermittlung gut recherchierter Informationen das Entscheidende in unserem Beruf. Gerade in der Auslandsberichterstattung scheint es mir besonders wichtig, den Blick deutscher Leserinnen und Leser für die Probleme in der Welt zu weiten. Leider gibt es immer mehr weiße Flecken der Berichterstattung, weil die Zahl der Zeitungskorrespondenten immer weiter abnimmt. Angesichts erodierender Geschäftsmodelle vieler Printmedien fehlt in zahlreichen Redaktionen inzwischen das Geld, um Korrespondenten zu bezahlen, die Entwicklungen in anderen Ländern über viele Jahre hinweg begleiten. Gerade jetzt in der Coronakrise verschärft sich diese Lage noch einmal, weil das Reisen zusätzlich erschwert und in vielen Ländern gar nicht mehr möglich ist.

Was erwarten Sie von der Tätigkeit für „OST-WEST“?

Ich freue mich sehr über diese Aufgabe, die meine anderen Tätigkeitsfelder gut ergänzt. Die Zeitschrift habe ich bereits als Leserin und Autorin sehr geschätzt. Es ist toll, dass Renovabis nicht nur als Hilfswerk mit zahlreichen wichtigen Projekten in Osteuropa engagiert ist, sondern sich auch publizistisch zu einer europäischen Verständigung bekennt.

Während Ende der 1990er Jahre, als mein Vorgänger Professor Michael Albus die Zeitschrift aufbaute, die Neugier und das Interesse an Osteuropa groß waren, ist leider heute längst eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Mit Sorge beobachte ich, dass manche Vorurteile und Stereotype wieder aufleben und sich ein Desinteresse gegenüber vielen Ländern im Osten Europas breit macht. Umso kostbarer finde ich, dass es mit „OST-WEST“ eine gut gemachte Fachzeitschrift gibt, die sich dieser Region widmet, interessante Themenhefte konzipiert und damit Einblicke eröffnet, die man anderswo vielleicht nicht findet. Die Redaktion leistet da seit vielen Jahren sehr gute Arbeit, und ich finde es schön, jetzt Teil des Teams zu sein.

Welche Inhalte bieten die nächsten Ausgaben?

Unsere aktuelle Ausgabe wird das schwierige Thema „Friede – Unfriede – Krieg“ beleuchten, im Sommer geht es um „Nationalhelden – Mythos und Missbrauch“. Dass wir im Herbst ein Heft über „Zentralasien“ veröffentlichen, freut mich besonders, da aus der Region viel zu wenig berichtet wird. Dabei weiß ich aus eigener Anschauung nur zu gut, wie interessant und vielfältig Zentralasien ist. „OST-WEST“ hat ein weit verzweigtes Autorennetz kenntnisreicher Journalisten und Wissenschaftler, die die Länder, über die sie schreiben oder aus denen sie selbst stammen, gut kennen. Ich sehe meine Aufgabe darin, das fortzusetzen, was sich bei der Zeitschrift bewährt hat, aber auch neue Ideen beizusteuern.