Die Russische Orthodoxe Kirche unter Patriarch Kyrill I. – Rückblick auf sein erstes Amtsjahr

aus OWEP 1/2010  •  von Christoph Mühl

Christoph Mühl ist Diplomtheologe und arbeitet in einem Forschungsprojekt der Universität Münster. Er promoviert über die ökumenischen Beziehungen zwischen der russischen Orthodoxie und dem deutschen Protestantismus.

Seit dem 1. Februar 2009 ist Patriarch Kyrill I. das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Das Landeskonzil hatte ihn am 27. Januar mit eindeutiger Mehrheit in dieses Amt gewählt. Von der Öffentlichkeit und den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft wurde die Wahl mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Es war die erste Patriarchenwahl seit der Auflösung der Sowjetunion.

Kyrill, mit weltlichem Namen Wladimir Michajlowitsch Gundjajew1 war weiten Teilen der russischen Bevölkerung durch wöchentliche Auftritte in einem kurzen Fernsehbeitrag bekannt. Als Leiter der Synodalen Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, der er seit 1989 vorstand, war er ständiges Mitglied des Heiligen Synods, eines Gremiums aus mittlerweile 13 Bischöfen, dem die Leitung der Kirche obliegt. Somit war er maßgeblich an den kirchenpolitischen Entscheidungen beteiligt und hat richtungweisende Grundlagendokumente der ROK wie die „Sozialdoktrin“ im Jahr 2000 und die jüngste Stellungnahme zu den Menschenrechten (2008) federführend mitgestaltet.2 In diesen Dokumenten positioniert sich die ROK in ihrer Beziehung zum Staat und zur Gesellschaft. Kyrill war nicht nur ein enger Mitarbeiter des verstorbenen Patriarchen Alexij II., sondern auch Schüler des bekannten russischen Hierarchen und Leiters des Außenamtes Nikodim (Rotow).3 Die Medien stellen Kyrill als dynamischen und tatkräftigen Kirchenmann dar. Er gilt als gemäßigt, pragmatisch und durchsetzungsfähig. Unter dem neuen Patriarchen wird grundsätzlich eine Kontinuität zu dem bisherigen Kurs der ROK erwartet.

Zur Lage der ROK – Herausforderungen

Nach der Auflösung der Sowjetunion hatte die ROK unter Kyrills Vorgänger Alexij II. einen enormen Aufschwung erlebt. Viele Kirchen wurden wieder geöffnet, Gemeinden neu gegründet und Millionen von Menschen bekannten sich erneut öffentlich zur Orthodoxie. Rund 73 Prozent der Russen bezeichnen sich gegenwärtig als orthodox, wobei jedoch der Prozentsatz praktizierender Gläubiger eher gering ist. In den letzten Jahren stagnierte die Situation der Kirche allerdings. Alexij II., der die Kirche seit 1990 führte, hat zwar die Kirche in der Gesellschaft neu verankert und ihr einen infrastrukturellen und organisatorischen Rahmen gegeben, doch blieben dringende Reformen der kirchlichen Verwaltung aus und eine umfassende Konsolidierung des innerkirchlichen Lebens hat noch nicht stattgefunden. Angesichts dieser Tatsache stehen viele Umstrukturierungen und Neuorientierungen an; die Kirche benötigt einen Umbau, eine Perestrojka.

Zielperspektiven für die nächsten Jahre

Wie die ROK ihre derzeitige Lage einschätzt und wie sie auf die gegenwärtigen Herausforderungen reagieren will, beschrieb das Landeskonzil der ROK noch vor der Inthronisation des neugewählten Patriarchen in dem Schreiben „Über das Leben und die Aufgaben der Russischen Orthodoxen Kirche“. Für die Zukunft der Kirche in der Russischen Föderation sei es notwendig, die innere und äußere Mission zu fördern. Vor allem müsse sich die Kirche all jenen zuwenden, die sich zwar als orthodox bezeichnen, jedoch keine praktizierenden und „verkirchlichten“ Christen sind. Sie seien an die Grundwahrheiten des Glaubens und das kirchliche Leben heranzuführen. Insbesondere müsse die pastorale Zuwendung den Kindern und Jugendlichen gelten. Bei seiner feierlichen Amtseinführung betonte Kyrill dann, dass er sich vor allem um die Einheit der Kirche und die Mission beziehungsweise Neuevangelisierung sorgen wolle. Der Patriarch scheint von einem kirchlichen Sendungsbewusstsein durchdrungen zu sein. Dieses beinhaltet auch den geistigen und moralischen Aufbau der russischen Gesellschaft.

Innere und äußere Mission

Bei der Neuevangelisierung setzt die ROK verstärkt auf den Einsatz moderner Kommunikationsmittel. So gaben Kirchenvertreter in diesem Jahr bekannt, dass man einen eigenen orthodoxen Fernsehsender plane. Darüber hinaus ist die ROK auf zwei offiziellen Internetseiten präsent. Das Leben der Kirche und das Wirken des Patriarchen werden hier umfangreich dokumentiert und vorgestellt. Ferner sucht der Patriarch den offenen Dialog mit Jugendlichen. Dazu trat er bei Großveranstaltungen in Stadien und Universitäten auf und stellte sich dort den Fragen der jungen Menschen. Zahlreiche Pastoralreisen und Visitationen machen deutlich, dass er mit den Menschen in Kontakt sein will, um ihnen orthodoxes Leben und gesellschaftliche und soziale Verantwortung näher zu bringen. Dennoch dürfen diese öffentlichen Inszenierungen des Patriarchen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Innern viele „Baustellen“ gibt.

Umstrukturierung der kirchlichen Verwaltung

Die Verwaltungsstrukturen des Patriarchats sind nach 1991 nicht wesentlich verändert oder an die neuen politischen und kirchlichen Bedingungen angeglichen worden; daher rechnete man mit einer baldigen Neuordnung. Dass Kyrill jedoch bereits auf der ersten Sitzung des Heiligen Synods der ROK unter seiner Leitung am 31. März 2009 umfassende Änderungsvorschläge vorbrachte, die dann auch von den dort anwesenden Bischöfen angenommen wurden, hatte man so nicht erwartet.

Am stärksten ist das Außenamt von den Umstrukturierungen betroffen. Zuvor war es für alle Außenbeziehungen der ROK im In- und Ausland zuständig und verfügte über weitreichende Kompetenzen. Nun wurden die Zuständigkeiten des Außenamtes auf verschiedene Abteilungen aufgeteilt. So wurde eine Synodale Abteilung für die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Gesellschaft unter Leitung von Wsewolod Chaplin gegründet. Die Angelegenheiten der Gemeinden der ROK im Ausland sowie der vormaligen Auslandskirche unterstehen künftig direkt dem Patriarchen, der hierzu von einem Sekretariat für ausländische Einrichtungen unterstützt wird. Alle übrigen Außenbeziehungen unterstehen weiterhin dem Außenamt, zu dessen Leiter der zum Erzbischof von Wolokolamsk erhobene Hilarion Alfejew4 ernannt wurde. Dieser war vorher Vertreter der ROK bei den europäischen Institutionen in Brüssel. Um den bereits angesprochenen Einsatz moderner Kommunikationsmittel besser koordinieren und professionalisieren zu können, wurde eine Synodale Abteilung für Information unter Führung eines kirchlichen Laien eingerichtet.

Diese Umstrukturierung hat geteilte Reaktionen hervorgerufen. Dass der Patriarch die neu entstandenen Posten mit treuen „Gefolgsleuten“ besetzt und die wesentliche Entscheidungsgewalt an das Patriarchenamt knüpft, wurde von einigen Kreisen sehr positiv aufgenommen, da die Kirche somit besser zu leiten sei. Andere Gruppierungen befürchten hingegen eine zu starke Machtkonzentration beim Patriarchen.

Kirche – Staat – Gesellschaft

Das oben erwähnte Dokument des Landeskonzils betont, dass die Kirche eine größere Zusammenarbeit mit staatlichen Behörden suchen solle; jedoch dürfe sich die Kirche dabei nicht in staatliche Angelegenheiten einmischen. Umgekehrt gelte für den Staat, dass er sich aus den kirchlichen Angelegenheiten heraushalte.

In der Verfassung der Russischen Föderation ist die Trennung von Kirche und Staat festgeschrieben. Dennoch erhält die orthodoxe Kirche ideelle und materielle Hilfe von staatlichen Einrichtungen, weil die Orthodoxie als traditionelle Religion in Russland und daher als gesellschaftliches Kohäsionsmittel angesehen wird. Die ROK finanziert sich jedoch vorwiegend aus Spendengeldern sowohl von Privatpersonen als auch von namhaften Firmen. Eine Vielzahl der kirchlichen Immobilien ist aber immer noch in staatlicher Hand; die ROK hat sich bisher vergeblich um eine Restitution der Kirchengebäude bemüht. Mitte 2009 kamen dann Meldungen von staatlichen Behörden, die eine Rückgabe der Kirchengebäude in Aussicht stellten, jedoch dezidiert Wiedergutmachungszahlungen beziehungsweise die Wiederherstellung der zum Teil baufälligen Objekte ablehnten. Angesichts dessen ist es falsch, von einer Staatskirche in Russland zu sprechen. Vielmehr ist das Verhältnis von Staat und Kirche noch nicht austariert.

Die Verbesserung der kirchlichen Situation wurde auch durch das persönliche Verhältnis zwischen dem ehemaligen Präsidenten Wladimir Putin und dem verstorbenen Patriarchen Alexij II. begünstigt. Die künftige Entwicklung der ROK wird unter anderem davon abhängen, wie sich Kyrill I. zu der politischen Führungselite verhält. Bisher ist deutlich geworden, dass in seiner Person ein selbstbewusstes und redegewandtes Kirchenoberhaupt dem Staat entgegentritt. Kritiker werfen der ROK allerdings weiterhin vor, dass sie zu sehr die Nähe zu politischen und wirtschaftlichen Kräften suche. In der Tat hat sich auch der neue Patriarch immer wieder mit Politikern und Vertretern aus der Wirtschaft getroffen. Die Mitteilung der Partei „Einiges Russland“, dass die ROK künftig bei Gesetzgebungsverfahren konsultiert werden solle, hat bei einigen Beobachtern den Eindruck verstärkt, dass sich die ROK in besonderem Maße in politische Angelegenheiten einmische.

Wenn auch klar ist, dass das Symphonia-Modell des Byzantinischen Reiches5 sich nicht genauso auf die heutige Gesellschaft übertragen lässt, hat es nach Kyrill dennoch die Funktion eines Ideals, an dem sich die Kirche zu orientieren habe.

Für das gesellschaftliche Wirken des Patriarchen ist die Verkündigung von Werten zentral. Sowohl die internationale Finanzkrise als auch die Anzeichen eines Niedergangs der westlichen Kultur seien auf das Fehlen oder den Verlust von Werten zurückzuführen. Demnach brauche nicht nur die russische, sondern auch die europäische Gesellschaft eine dringende Rückbesinnung auf die christlichen Wurzeln. Folglich ist die ROK bemüht, gegenüber den europäischen Institutionen orthodoxe Interessen zu vertreten und der russischen Gesellschaft eine geistige Basis zu geben. Entsprechend hebt Kyrill hervor, dass es für die Kirche unerlässlich sei, aus ihrem Ghetto einer Subkultur herauszutreten und ein christliches Zeugnis in der Gesellschaft zu entfalten.

In den letzten Jahren gab es vermehrt Diskussionen um die Präsenz der Kirche in den Schulen und in der Armee. Die Kirche hatte sich bisher vergeblich für die Einführung eines verpflichtenden konfessionell gebundenen Schulfachs „Die Grundlagen der orthodoxen Kultur“ eingesetzt. Starker Gegenwind kam aus weiten Kreisen der Bevölkerung, die einen konfessionellen Religionsunterricht in einem säkularen Staat entschieden ablehnen. In der öffentlichen Diskussion hatte sich die Befürchtung breit gemacht, dass auf diese Art eine religiöse Ideologisierung betrieben werden solle. Daraufhin wurde diskutiert, ob es nicht besser wäre, Religionskunde zu unterrichten oder Ethikunterricht anzubieten.

Die russische Regierung gab nun im Juli 2009 bekannt, dass ab 2010 in knapp einem Viertel der Landesregionen Religionskundeunterricht in den Klassen 4 und 5 eingeführt werden soll, alternativ könne aber auch Ethikunterricht gewählt werden. Um eine weltanschauliche Neutralität zu wahren, soll der Unterricht nur von staatlichen Lehrern, nicht aber von Geistlichen abgehalten werden. Bei der Erarbeitung eines Lehrbuchs werden die Vertreter und Experten aller Religionsgemeinschaften konsultativ hinzugezogen. Zunächst soll das neue Unterrichtsfach probeweise für drei Jahre unterrichtet werden, bevor es dann landesweit verpflichtend in das Curriculum aufgenommen wird. Der Wunsch der Kirche nach einer religiösen und moralischen Grunderziehung in konfessioneller Ausrichtung ist somit nicht umgesetzt worden.

Ein Durchbruch in den Staat-Kirche Beziehungen konnte hingegen im Bereich der Militärseelsorge erreicht werden. In naher Zukunft will der Staat für die seelsorgliche Betreuung der Soldaten orthodoxe Priester einstellen und besolden. Bisher wurden die Seelsorger in den Streitkräften von der Kirche bezahlt und übten diese Tätigkeit neben der Sorge um eine Pfarrgemeinde aus. Der Patriarch hat sich wiederholt für die Notwendigkeit einer Militärseelsorge ausgesprochen. Dabei gestand er ein, dass die Kirche bisher nicht genügend Priester hierfür ausgebildet habe. Nun sollen Geistliche in Vollzeitbeschäftigung für diese Bereichsseelsorge abgestellt und entsprechend auf diese Aufgabe vorbereitet werden. In der Begründung für eine spirituelle Betreuung von Soldaten und Armeeangehörigen rekurriert der Patriarch auf Aspekte, die bereits in dem Dokument „Grundlagen der Sozialdoktrin“ (2000) erfasst wurden.6 Demzufolge ist es die Aufgabe der Streitkräfte, für die „Verteidigung der Nächsten sowie die Wiederherstellung verletzter Gerechtigkeit“ zu sorgen. In einer Ansprache vor Soldaten der Schwarzmeerflotte im August hob der Patriarch hervor, dass diejenigen, die in einem gerechten Krieg ihr Leben für die Verteidigung des Vaterlandes und der Mitmenschen hingeben, das Gebot der Nächstenliebe erfüllen. Um diesen Dienst ausüben zu können, müssten die Soldaten geistig gefestigt sein, hierzu solle die Militärseelsorge dienen. Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, dass die seelsorgliche Betreuung von Soldaten auch die Möglichkeit der Evangelisierung, Katechese und Wertevermittlung bietet.

Die Einheit der orthodoxen Kirche(n)

Neben dem Bestreben, missionarisch Kirche zu sein, sucht der Patriarch nach Wegen, sein Amt als einen Dienst der Einheit auszuüben. Sowohl die Einheit der ROK als auch die Zusammenarbeit mit den anderen orthodoxen Lokalkirchen ist ein erklärtes Ziel der Kirchenführung.

Bei seinen bisherigen Reisen in die Ukraine im Juli/August 2009 und nach Weißrussland im September 2009 wiederholten sich Aussagen, die auf das gemeinsame geistige Erbe der Kiewer Rus’ als orthodoxen Kulturraum abhoben.7 Es geht dabei weniger um eine politische als mehr um eine historische, geistige Einheit dieser durch die orthodoxe Kirche und Kultur geprägten Länder. Zahlreiche Auftritte stützten das verbale Bekenntnis zu einer geeinten Russischen Orthodoxen Kirche, beispielsweise die Zeremonien um den Festtag des Heiligen Fürsten Wladimir von Kiew, der als identitätsstiftende Figur der Kirchengeschichte dient. Großfürst Wladimir nahm im Jahr 988 das byzantinische Christentum an und ließ auch seine Untertanen taufen. In der Geschichtsschreibung gilt dieses Ereignis als Beginn der russischen Kirchengeschichte.

Obwohl der Besuch des Patriarchen in der Ukraine auch als politisch motiviert wahrgenommen wurde, gab es überwiegend positive Reaktionen. Allgemein wurde er als ein Zeichen für einen neu einsetzenden Dialog zur Überwindung der dortigen Kirchenspaltungen angesehen. Sowohl die angespannten politischen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine als auch die Existenz dreier orthodoxer Kirchenstrukturen und der griechisch-katholischen Kirche machten diese Reise so schwierig. Von Seiten des Moskauer Patriarchats war sie als Pilgerfahrt zu den heiligen Stätten in der Ukraine gedacht. Der Patriarch forderte dabei aber auch die getrennten orthodoxen Christen auf, sich wieder dem Moskauer Patriarchat zu unterstellen. Unter Rückgriff auf die Geschichte der Kiewer Rus’ stellte sich Kyrill eben auch als Patriarch aller Ukrainer dar. Zwar lehnt das Oberhaupt der ROK weiterhin die Bildung einer eigenständigen, autokephalen Ukrainischen Orthodoxen Kirche ab, doch gestand Kyrill ebenso ein, dass eine „falsche Politik“ des Moskauer Patriarchats Mitschuld an den Spaltungen in der Ukraine trage. Was hiermit genau gemeint ist, bleibt fraglich.

Die unklare kirchliche Situation in der Ukraine und in Estland bestimmt auch weiterhin die Beziehungen zum (Ökumenischen) Patriarchat von Konstantinopel. Kyrills erste Auslandsreise Anfang Juli führte ihn nach Istanbul in den Stadtteil Phanar, wo sich der Sitz des Ökumenischen Patriarchen befindet. Beide Seiten waren sich einig, dass die Probleme, die wegen der kirchliche Lage in Estland und der Ukraine zwischen den beiden Patriarchaten entstanden sind, in baldiger Zukunft einer Lösung zugeführt werden müssen, wenn die gesamtorthodoxe Einheit nicht dauerhaft gefährdet werden soll.

Ökumene

Auch in den Beziehungen zur römisch-katholischen Kirche spielt die Ukraine eine besondere Rolle. Die Existenz der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche, besonders im Westen des Landes, wird von der ROK als Fortführung eines unkanonischen Zustands empfunden. Die Gemeinden sollten sich – so Vertreter des Moskauer Patriarchats – entweder der orthodoxen oder der römisch-katholischen Kirche anschließen. Die Tatsache, dass Kyrill I. auf seiner Ukrainereise mit römisch-katholischen, nicht aber mit griechisch-katholischen Geistlichen zusammentraf, ist ein Ausdruck dafür, dass in die Frage nach dem Status der unierten Kirchen noch keine Bewegung gekommen ist.

Aus Russland sind in der letzten Zeit hingegen gehäuft Mitteilungen katholischer Kirchenvertreter zu lesen, dass sich die Zusammenarbeit der Kirchen auf der Ebene der Gemeinden positiv und konstruktiv entwickelt. Bezüglich der Frage nach einem Treffen des Patriarchen mit Papst Benedikt XVI. bleibt die Position der ROK in der Sache hingegen unverändert. Grundsätzlich müsse die kirchliche Situation in der Westukraine geklärt und eine gemeinsame Position bezüglich Proselytismus und Uniatismus8 gefunden werden, ehe die beiden Kirchenoberhäupter zusammentreffen könnten – so die Forderung der ROK seit Jahren.

Das Moskauer Patriarchat ist jedoch seit einigen Jahren bestrebt, die katholische Kirche für eine strategische, orthodox-katholische Allianz zu gewinnen, um Zeugnis für die Wahrheit vor der säkularen Welt abzulegen. Gemeinsam müsse man die traditionellen christlichen Werte verteidigen und gegen einen „militanten Säkularismus“ und Relativismus angehen. Hilarion Alfejew hat diese Idee schon früher propagiert und dazu aufgerufen, gemeinsam für christliche Werte einzustehen, auch wenn im theologischen Dialog zwischen den Kirchen noch einige Hürden zu überwinden seien. Seine Ernennung zum Leiter des Außenamtes bedeutet daher eine Fortführung dieses Kurses. Im September fand ein einstündiges Treffen zwischen dem Papst und Hilarion statt, in dem auch die Gemeinsamkeiten und Spannungen in den Beziehungen zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Vatikan angesprochen wurden.

Die Beziehungen zu den evangelischen Kirchen sind indes etwas distanzierter geworden. Im November 2009 hat eine Äußerung des Außenamtsleiters für Verunsicherung und Verwunderung gesorgt. Er sagte gegenüber einer russischen Tageszeitung, dass nach der Wahl Margot Käßmanns zur Ratspräsidentin der EKD die Frage nach der Weiterführung des Dialogs mit der Evangelischen Kirche in Deutschland offen sei und über neue Formen des Gesprächs nachgedacht werden müsse. Eine unglückliche Kommunikation hat dazu geführt, dass die ROK und die EKD die Feierlichkeiten absagten, die anlässlich des 50jährigen Jubiläums des gemeinsamen bilateralen Dialogs für Anfang Dezember geplant waren.9 Beide Kirchen wollen dennoch im Dialog bleiben. Die Kirchenleitung der ROK macht aber auch deutlich, dass sie Schwierigkeiten mit dem Werteverständnis protestantischer Kirchen habe. Dies wird beispielsweise in der Sicht auf die Menschenrechte oder auch in der Frage der Frauenordination deutlich.

Anhang

Sehr geehrte Dr. Käßmann!
Sehr geehrter Dr. Schindehütte!

Im Namen des Heiligsten Patriarchen von Moskau und ganz Russland danke ich Ihnen für Ihren Brief vom 13. November 2009. Seine Heiligkeit bedauert, dass die Feier zum 50-jährigen theologischen Dialog zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) abgesagt wurde. Die Entscheidung über die Absage der Feierlichkeiten hat die EKD einseitig beschlossen, ohne jegliche vorherige Absprache mit unserer Seite. Als einer der Gründe für diese Entscheidung dienten laut Ihren Worten meine Äußerungen zur jüngsten Wahl der Ratsvorsitzenden der EKD. Meiner Enttäuschung darüber habe ich in der Tat Ausdruck verliehen. Dennoch lassen sich meine Äußerungen in dieser Frage wohl kaum als „ungebührlich“ bezeichnen, da sie nichts Beleidigendes für die EKD enthalten haben. Schließlich hat jeder Mensch das Recht, offen seine Meinung zur dieser oder jener Frage auszudrücken, vor allem in Fragen von solcher Tragweite.

Zu Recht heben Sie hervor, dass die Existenz der Frauenordination in der EKD in der Vergangenheit kein Hindernis für unsere Begegnungen und Diskussionen dargestellt hat. Dies hatte seine Gründe. Vor mehr als 30 Jahren erklärte der Hl. Synod unserer Kirche zum Pastoraldienst der Frau: „Wir sehen keinen Grund zum Widerspruch … bei Konfessionen, die das Priestertum nicht als Sakrament ansehen, und wo somit aus der Sicht der Orthodoxie das sakramentale Priestertum als solches nicht existiert“ (Sendschreiben des Hl. Synods betreffend die V. Vollversammlung des Weltkirchenrats und deren Ergebnisse. In: Journal des Moskauer Patriarchats 1976, Nr. 4, S. 9). Obwohl wir auch früher ein Vorhandensein des Priestertums in den protestantischen Gemeinschaften nicht anerkannten und folglich diese auch nicht als „Kirchen“ in unserem Verständnis anerkannt haben, standen wir mit einigen von ihnen im Dialog in der Form von „Kirche zu Kirche“.

Heute ist die Situation ein andere – eine Frau wurde Ratsvorsitzende der EKD. Hier stellt sich nun die prinzipielle Frage nach der Möglichkeit der Fortführung des Dialogs in der bisherigen Form. Denn solch eine Wahl zeugt davon, dass der Dialogpartner trotz des 50-jährigen Dialogs mit der Orthodoxie einen Weg beschreitet, der die Unterschiede zwischen unseren Traditionen dramatisch vergrößert. Es ist nur natürlich, wenn sich nun die prinzipielle Frage stellt: Was bedeutet unser Dialog, wenn sein Ergebnis nicht das früher von beiden Seiten deklarierte Aufeinanderzugehen ist, sondern im Gegenteil eine Bewegung – zumindest eines Dialogpartners – vom anderen weg? Weiterhin können wir auch die Meinung unserer Gläubigen nicht unberücksichtigt lassen – für sie sind Begegnungen und Gespräche mit einer Kirche, zu deren Oberhaupt eine Frau gewählt wurde, absolut inakzeptabel.

Unter diesen Umständen habe ich beschlossen, zur 50-Jahr-Feier unseres Dialogs nicht nach Deutschland zu reisen. Doch ich war bereit, meinen Stellvertreter … zu entsenden. Der Moskauer Teil der Feier hätte dagegen auf der vorher geplanten hohen Ebene stattgefunden, und wir hätten uns aufrichtig gefreut, unseren langjährigen Freund, Bischof Wolfgang Huber, an der Spitze der EKD-Delegation zu sehen. Leider wurden auf Beschluss der neuen Leitung der EKD alle Feierlichkeiten abgesagt. Dabei befand man es nicht einmal für nötig, irgendeinen Kontakt mit mir aufzunehmen. Entgegen der Behauptung gewisser russischer Medien wurde weder von mir noch von irgendeinem meiner Mitarbeiter ein „Abbruch der Beziehungen“ zur EKD verkündet. Wir schätzen die langjährigen freundschaftlichen Beziehungen zu den deutschen Protestanten sehr, und die Erfahrung des theologischen Dialogs wird sich zweifelsohne auch in Zukunft als nützlich erweisen.

Ich bedaure, dass das Jubiläum unseres Dialogs, der solch gute Früchte in der Vergangenheit gebracht hat, zugleich auch das Ende dieses Dialogs in der Form bedeutet, in der er ein halbes Jahrhundert bestand. Die wichtigste Ursache dafür sind jedoch nicht die einen oder anderen Äußerungen, die in den letzten Tagen gemacht wurden, sondern die Prozesse, die im Schoß des westlichen Protestantismus in den letzten Jahrzehnten vonstatten gegangen sind. Wir in der Russischen Orthodoxen Kirche sind sehr beunruhigt über den wachsenden säkularen Einfluss auf die Entwicklung von Theologie und kirchlichem Leben in den protestantischen Gemeinschaften. Die Liberalisierung moralischer Normen und der Abfall von den apostolischen Regeln bei der Organisation des kirchlichen Lebens bewegen uns dazu, gegenüber unseren Brüdern und Schwestern im Geist christlicher Liebe Zeugnis abzulegen von der authentischen christlichen Tradition. Heute wird der Abgrund immer tiefer, der die traditionellen christlichen Kirchen und jene Gemeinschaften westlicher Christen von einander trennt, die aus Gefälligkeit gegenüber modernen säkularen Standards den Weg einer Liberalisierung der Glaubenslehre, der kirchlichen Organisation und moralischer Normen beschritten haben.

Dies ist nicht die Schuld der Orthodoxen, die in all den Jahren des Dialogs nicht einen Schritt von ihren protestantischen Brüdern und Schwestern zurückgewichen, sondern im Gegenteil ihren Verpflichtungen treu geblieben sind. Die EKD hat entschieden, eine Frau zum Oberhaupt ihrer Kirche zu wählen, und hat somit ihre Wahl getroffen. Wir sind bereit, diese Entscheidung als innere Angelegenheit der EKD anzusehen. Doch wenn es um den Dialog geht, an dem sich unsere Kirche beteiligen soll, behalten wir uns das Recht vor, über die Zweckdienlichkeit einer weiteren Fortsetzung dieses Dialogs sowie über die Form zu entscheiden, in der sich die Zusammenarbeit zwischen uns künftig gestalten soll. In meinen Augen wäre es richtig, die jetzige Situation nach Ablauf einer gewissen Zeit in ruhiger Atmosphäre zu besprechen; ich bin bereit, dazu im Frühjahr 2010 nach Deutschland zu reisen.

Mit Hochachtung

Der Vorsitzende des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats
Erzbischof Hilarion von Wolokolamsk


Fußnoten:


  1. Er wurde am 20.11.1946 geboren; vgl. zum Folgenden auch das von Johannes Oeldemann verfasste Porträt in OST-WEST. Europäische Perspektiven 10 (2009), H. 1, S. 79 f. (der gedruckten Ausgabe). 

  2. Ein Auszug findet sich in diesem Heft (S. 69-74 der gedruckten Ausgabe). 

  3. Metropolit Nikodim (1929-1978) öffnete in den sechziger und siebziger Jahren die ROK zur ökumenischen Bewegung. Vgl. auch den Hinweis im Beitrag von Wladimir Fjodorow (S. 37 f. der gedruckten Ausgabe). 

  4. Vgl. auch das von Jewgenij Pilipenko verfasste Porträt in OST-WEST. Europäische Perspektiven 10 (2009), H. 3, S. 236-239 (der gedruckten Ausgabe). 

  5. Vgl. dazu den Beitrag von Jelena W. Beljakowa in diesem Heft. 

  6. Deutsche Fassung (mit Einführung und Kommentaren) von Josef Thesing/Rudolf Uertz (Hrsg.): Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche. Sankt Augustin 2001 (hier: Abschnitt VIII. „Krieg und Frieden“). 

  7. Vgl. dazu Antoine Arjakovsky: Das Konzept der „Kiewer Kirche“ – ein Weg zur Annäherung der Konfessionen in der Ukraine. In: OST-WEST. Europäische Perspektiven 10 (2009), H. 3, S. 189-194 (der gedruckten Ausgabe). 

  8. Diese Begriffe, also der Vorwurf, orthodoxe Gläubige „abzuwerben“, und die Existenz der unierten Kirche beinhalten in verkürzter Form die Hauptvorwürfe der ROK gegen die katholische Kirche (Anm. d. Redaktion). 

  9. In einem Interview mit dem „Spiegel“ (Nr. 51/2009, S. 111 f.) hat Erzbischof Hilarion versucht, die Position der ROK zu verdeutlichen; vgl. auch seine Ausführungen in OST-WEST. Europäische Perspektiven 6 (2005), H. 2, S. 83-88 (der gedruckten Ausgabe). Ähnlich äußert er sich in einem Brief vom 10.12.2009 an Bischöfin Dr. Margot Käßmann und an Bischof Dr. Martin Schindehütte, den Leiter der Abteilung für Ökumene und Auslandsarbeit in der EKD (die russische Fassung findet sich unter http://www.mospat.ru/ru/2009/12/10/news10042; letzter Zugriff: 03.03.2015). G2W, das Ökumenische Forum für Glauben, Religion und Gesellschaft in Ost und West, hat das Schreiben in deutscher Übersetzung wiedergegeben; der nachstehende Wiederabdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von G2W in Zürich. (Quelle: http://www.kirchen.ch/g2w/index.php?option=com_content&view=article&id=291%3Adokument-erzbischof-ilarion-an-die-ratsvorsitzende-der-ekd&catid=1%3Aaktuelle-nachrichten&Itemid=28; Link mittlerweile deaktiviert).