„Ein großes Denkmal der Solidarität in unserer Zeit.“

Katholische Europaschulen in Bosnien und Herzegowina
aus OWEP 2/2019  •  von Michael Albus

Zusammenfassung

Die katholischen „Schulen für Europa“ ragen mit ihrem Bildungskonzept und ihren Bildungszielen aus der Bildungslandschaft in Mittel- und Osteuropa heraus. Einer ihrer wesentlichen Initiatoren war Dr. Pero Sudar, katholischer Weihbischof in Sarajevo; ihm stellte Michael Albus drei Fragen. – Michael Albus war auch Autor der Reportage „Kompetenz und Leidenschaft. Die katholischen ‚Schulen für Europa‘ in Bosnien und Herzegowina“, veröffentlicht in OWEP 12 (2011), H. 4, S. 306-316 (der gedruckten Ausgabe).

Die katholischen Schulen für Europa bestehen bereits seit 1994 in mehreren Städten von Bosnien und Herzegowina. Was war das Motiv und Konzept des Anfangs?

Weihbischof Dr. Pero Sudar (Foto: Renovabis-Archiv)

In einer Beschreibung des Konzepts der katholischen Schulen für Europa und ihrer Entstehungsgeschichte habe ich behauptet, dass der Krieg die Menschen zum Träumen von einer besseren Welt zwingt – sie werden dazu gezwungen, weil nur die Träume ihnen helfen, die unannehmbare Wirklichkeit des Krieges durchzuhalten. Und es ist auch niemand enttäuscht, wenn diese Träume wegen des Krieges nicht verwirklicht werden können. Die „Schulen für Europa“ waren für viele nur ein Traum. Gleichzeitig waren sie eine große und dringende Notwendigkeit. Aber keiner glaubte, dass unter diesen Umständen so ein Traum wahr wird.

Uns Menschen ist die Fähigkeit, grausame Erlebnisse zu vergessen, als eine Gabe gegeben, weil wir nur so danach weiter irgendwie normal leben können. Aber diese Gabe kann auch sehr gefährlich sein, weil die vergessenen Grausamkeiten sich oft wiederholen. Viele haben vergessen – oder sie geben vor, vergessen zu haben, was noch gefährlicher ist –, dass die Kinder in vielen Teilen von Bosnien und Herzegowina, und auch in Sarajevo, während des Krieges in den Schulen schikaniert wurden, weil sie der einen oder anderen Minderheitenvolksgruppe angehörten. Die lebenswichtige Toleranz war durch den Krieg ganz und gar verlorengegangen. Leider waren oft auch die Lehrer gegenüber den Schülerinnen und Schülern intolerant. Dies war sehr oft für die Eltern ein zusätzlicher Anlass, ihre Häuser und die Gebiete zu verlassen, wo ihre Vorfahren jahrhundertlang gelebt hatten, und ins Ausland zu emigrieren. Dadurch wurden, leider, selbst die Schulen zum Mittel der Vertreibung und der ethnischen Säuberung gemacht. Die grausamen Kriegsverbrechen auf allen Seiten sollten Hass in allen Schichten des Volkes erzeugen. Die Schulkinder sollten dabei keine Ausnahme bleiben. Dadurch sollte auch unsere Zukunft tief vergiftet sein!

Dagegen musste nach meiner Meinung jeder ankämpfen, der den Menschen helfen wollte, menschlich zu bleiben. Trotz aller Traumata und Ungerechtigkeiten seiner schwierigen Geschichte ist Bosnien und Herzegowina heute zu einem Land der Begegnung der Völker, der Religionen und Kulturen geworden. In dieser Hinsicht war und ist es immer ein „Europa im Kleinen“. Es musste als ein kleines, aber sehr wichtiges Paradigma die Fähigkeit und auch Notwendigkeit gerettet werden, dass Menschen und Völker sich gegenseitig annehmen und zusammen leben können. In diesem Sinne wollte sich die katholische Kirche im Land mit diesen Schulen gegen die Verbreitung des Hasses und gegen die ethnische Trennung der Menschen ganz konkret einsetzen. Das Konzept und das Ziel bestanden in der Bemühung, in diesen Schulen den jungen Menschen zu helfen, normale Menschen zu werden und zu bleiben. Unsere Schulen sind wirklich nichts Besonderes! Sie sind ganz normale Schulen, die ihren Schülerinnen und Schülern helfen möchten, Andere nicht nur als ihre Mitmenschen, sondern als wahre Freunde anzunehmen und zu achten.

Es war und ist mutig, junge Christen und Muslime gemeinsam zu unterrichten. Hat es Früchte getragen?

Ja, Sie haben Recht, viele haben darin einen mutigen Schritt gesehen. Warum sollte nicht auch ich nach einem Krieg, wie er bei uns war, und nach allem, was mit der katholischen Kirche und mit meinem kroatischen Volk geschah, so denken? Um die 65 Prozent der katholischen Kroaten wurden aus Bosnien und Herzegowina vertrieben, und die politische und militärische Führung unseres Volkes wurde in Den Haag verurteilt. Und heutzutage versucht man, dieses Volk auf eine politische Minderheit zu reduzieren. Trotzdem oder, besser gesagt: deswegen war ich und bin ich immer noch der Meinung, dass ein gemeinsamer Unterricht für junge Christen und Muslime wie auch für Nichtgläubige nicht nur normal, sondern notwendig war, ist und bleiben muss. Aber nicht so, wie es uns die internationalen und europäischen Ideologen, die zu uns als Mediatoren geschickt werden, aufdrängen! Sie sind nämlich überwiegend der Meinung, dass die Schulen in unserem Land dazu dienen müssen, die ethnischen und religiösen Unterschiede zwischen den Schülerinnen und Schülern zu vertuschen oder sogar zu negieren. In unseren Schulen hingegen bemühen wir uns, die jungen Menschen zu ermutigen, das zu bleiben, was sie sind: echte Muslime, Orthodoxe, Katholiken oder überzeugte und ehrliche Nichtgläubige. Deswegen ist im Lehrplan unserer Schulen auch der Unterricht in muslimischer, orthodoxer und katholischer Religion vorgesehen, aber nicht als obligatorisches Unterrichtsfach. Die Eltern sind frei zu entscheiden, ob ihre Kinder den Religionsunterricht der eigenen Kirche oder Religionsgemeinschaft oder aber das Fach „Ethik“ besuchen. Am Anfang war das für die hiesigen „echten“ Katholiken unannehmbar. Für mich ist es jedoch mit der Lehre Christi ganz und gar kongruent, denn Christus hat, wie es uns die Evangelien berichten, immer und überall wiederholt: Du kannst, wenn du willst! Niemals: Du musst! Die Freiheit ist eine große Gabe Gottes an uns Menschen und soll und kann das Fundament aller menschlichen Beziehungen sein.

An unseren Schulen wird auch die nationale oder ethnische Zugehörigkeit unserer Schülerinnen und Schüler nicht nur toleriert, sondern es wird auch dazu ermutigt. Wir bemühen uns, ihnen zu zeigen, dass ihre Identität wichtig ist. Das ist nicht nur in Bosnien und Herzegowina, sondern in der ganzen Welt sehr wichtig! Eine friedliche multiethnische und multireligiöse Welt ist nur möglich, wenn ihre Verschiedenheiten echt anerkannt und respektiert werden. Nur Menschen, die sich in ihrer jeweils eigenen Identität frei und geachtet fühlen, sind fähig und bereit, die Identität der anderen zu achten und gemeinsam in Frieden einen gemeinsamen Staat zu gestalten.

Ob unser Konzept und Versuch Früchte getragen hat? Das vermag ich kaum zu beantworten. Das Hauptziel unseres Lehrplans ist die Erziehung, die im Mittelpunk aller Unterrichtsfächer steht. Der Kern der Erziehung sollte die Bemühung sein, den jungen Menschen zu helfen, den wahren Sinn des Lebens zu entdecken und ein würde- und ehrfurchtsvolles Verhältnis zu sich selbst, zu den anderen Menschen und zur gesamten Schöpfung zu entwickeln. Die Grundwerte des Lebens, die so wichtig in unserem Land sind, können den jungen Menschen nur durch das überzeugende Vorbild der Lehrkräfte glaubwürdig vermittelt werden. Wie weit das uns gelingt, kann ich schwer einschätzen. Aber die Tatsache, dass wir in unseren Schulen in fünfundzwanzig Jahren keine religiös oder ethnisch motivierten Spannungen hatten, spricht für sich – besonders wenn man bedenkt, dass in unseren Schulen die Kinder der Kriegsopfer und der Kriegsverbrecher in den gleichen Bänken gesessen haben.

Sie waren einer der maßgeblichen Initiatoren der Europaschulen. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, ein solches Leuchtturmprojekt mit auf den Weg zu bringen?

Alle meine Beweggründe könnte ich in dem Motiv zusammenfassen, den seelisch schwer verwundeten Menschen meines Vaterlands dabei zu helfen, aus dem mörderischen Teufelskreis von Hass und Intoleranz herauszukommen. Nach allem, was in der Geschichte zwischen den Völkern in Bosnien und Herzegowina vorgekommen ist, kann uns, so glaube ich, nur die echte Freundschaft unter den einzelnen Menschen helfen. Diese Freundschaft, hoffe ich, wächst in den Bänken dieser Schulen, die gleichzeitig versuchen, unsere Jugendlichen mit den echten europäischen Werten vertraut machen.

Ich möchte hier betonen, dass aus dieser Idee nichts geworden wäre ohne die große moralische und hervorragende finanzielle Unterstützung unserer Wohltäter aus Europa, vor allem aus Deutschland durch Renovabis, Kirche in Not, das Kindermissionswerk und viele andere Hilfswerke. Diese Schulen, die heute ca. 4.700 Schülerinnen und Schüler besuchen, sind ein großes Denkmal der Solidarität in unserer Zeit.