OWEP 2/2026

OWEP 2/2026

Schwerpunkt:
Die Vielfalt Rumäniens

Editorial

„Rumänien ist ein unterschätztes Land“, so beschreibt unser Autor Stefan Hofmann treffend die Außenwahrnehmung des Landes. Der deutsche Blick ist trotz langjähriger EU-Mitgliedschaft unverändert von viel Nichtwissen geprägt. Manchen erscheint Rumänien bis heute vor allem als Ort von Korruption und Kriminalität – vereinfachte Zuschreibungen, die sich hartnäckig halten. Die gängigen Klischees werden der Wirklichkeit jedoch kaum gerecht. Rumänien ist vielfältiger als gängige Vorstellungen vermuten lassen.

Europaweit Schlagzeilen machte das Land im Dezember 2024, als die Präsidentschaftswahl für ungültig erklärt wurde. Für viele Rumänen erschütterte dieser Vorgang das Vertrauen in demokratische Verfahren. Die Erwartungen an die politische Führung waren schon vorher enttäuscht worden, nicht zuletzt durch den ehemaligen Präsidenten Klaus Johannis, beschreibt der Journalist Thomas Roser in seinem Portrait des deutschstämmigen Politikers. Wie eng aktuelle Spannungen mit historisch gewachsenen Erfahrungen verknüpft sind, macht der Historiker Hans-Christian Maner deutlich: Diktaturerfahrungen und unzureichende Aufarbeitung wirken bis heute fort und lassen nationalistische Strömungen wieder erstarken. Der Sozialanthropologe László Fosztó beschreibt die daraus entstehenden Spannungen im Umgang mit Minderheiten. Das Interview mit dem Juristen Dan Derscanu beleuchtet die Lebenswirklichkeiten rumänischer Roma in Deutschland. Die Historikerin Anca Șincan analysiert, wie der Kirchenbau-Boom in Rumänien sowohl religiöse Erneuerung als auch gesellschaftliche Probleme widerspiegelt.

Diese Ausgabe richtet den Blick bewusst auch auf Entwicklungen jenseits gängiger Schlagzeilen. Der Journalist Frank Stier zeigt, wie Rumänien mit der Offshore-Gasförderung im Schwarzen Meer zu einem zentralen energiepolitischen Akteur in Europa wird – samt ökologischer Folgen. Weitere Artikel widmen sich dem Internationalen Theaterfestival von Sibiu als einem kulturellen Ort mit internationaler Ausstrahlung, einem engagierten Nationalparkprojekt oder dem Wettstreit der Städte Bukarest, Cluj und Timișoara.

Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis

81
Chancen und Herausforderungen der Politik
Stefan Hofmann
88
Johannis – Der Enttäuscher
Thomas Roser
95
Diktaturerfahrungen im Spiegel der Erinnerungskultur
Hans-Christian Maner
103
Minderheiten in Zeiten des erstarkenden Nationalismus
László Fosztó
112
Erfahrungen aus der Beratung von Roma in Deutschland. Ein Gespräch mit dem Juristen Dan Derscanu
Gemma Pörzgen
117
Mehr als nur europäische Nachbarn
Daniela-Maria Mariș
125
Umstrittene Offshore-Gasförderung im Schwarzen Meer
Frank Stier
130
Ein „Yellowstone-Park“ für Europa. Ein Gespräch mit der Naturschützerin Barbara Promberger
Gemma Pörzgen
139
Rumäniens Kirchenboom und seine Konflikte
Anca Șincan
146
Die Hauptstadt Bukarest im Wettstreit mit Cluj und Timișoara
Kathrin Lauer
153
Wie ein Theaterfestival die Sterne vom Himmel holt
Aurelia Brecht
159
Weiterführende Lektüre
OWEP-Redaktion

Summary in English

“Romania is an underrated country,” is how our author Stefan Hofmann aptly describes the way the country is perceived abroad. Despite many years of EU membership, the German view remains characterised by a great deal of ignorance. To some, Romania still appears primarily as a place of corruption and crime – oversimplified stereotypes that persist. However, the common clichés hardly do justice to reality. Romania is more diverse than common perceptions would suggest.

The country made headlines across Europe in December 2024 when the presidential election was declared invalid. For many Romanians, this event shook their faith in democratic processes. Expectations of the political leadership had already been dashed, not least by former President Klaus Johannis, as journalist Thomas Roser describes in his profile of the politician of German descent. Historian Hans-Christian Maner highlights how closely current tensions are linked to historical experiences: the legacy of dictatorship and a failure to come to terms with the past continue to have an impact today, allowing nationalist currents to regain strength. Social anthropologist László Fosztó describes the resulting tensions in dealing with minorities. The interview with lawyer Dan Derscanu sheds light on the realities of life for Romanian Roma in Germany. Historian Anca Șincan analyses how the boom in church construction in Romania reflects both religious renewal and social problems.

This issue deliberately turns its attention to developments beyond the usual headlines. Journalist Frank Stier shows how Romania is becoming a key player in European energy policy through offshore gas extraction in the Black Sea – along with the environmental consequences. Further articles explore the Sibiu International Theatre Festival as a cultural hub with international appeal, a dedicated national park project, or the rivalry between the cities of Bucharest, Cluj and Timișoara.