Orthodoxe Jugendarbeit zwischen Katechese und Kriegserziehung

Die Journalistin Xenia Lutschenko, geboren 1979 in Moskau, ist Leiterin des Bildungsprogramms „Journalism and Media Studies“ der Fakultät der Freien Künste und Wissenschaften in Budva, Montenegro. Sie verfasste zahlreiche Analysen zur Rolle der Orthodoxen Kirche im aktuellen Russland und veröffentlichte 2025 das Buch „Mit besten Vorsätzen. Die russische Kirche und die Macht von Gorbatschow bis Putin“.

Zusammenfassung

Mit dem vollumfänglichen Krieg gegen die Ukraine hat die russische Regierung ihre Jugendarbeit seit 2022 an die neue Zeit angepasst. Die Ideologisierung und Militarisierung prägen auch das Bildungssystem sowie die außerschulische Sozialisierung der jungen Generation. Die Russische Orthodoxe Kirche ist dabei zu einem wichtigen Mitspieler bei der Vermittlung von Patriotismus und der kriegsbefürwortenden Staatspolitik geworden.

Aufbau kirchlicher Jugendarbeit

Mit dem Ende der Sowjetunion verschwand ein umfassendes System staatlicher Kinder- und Jugendarbeit, das auf sozialistischen Werten und der sowjetischen Ideologie aufbaute. Es hatte nahezu alle Familien erreicht. An die Stelle dieses Systems rückten unterschiedliche Programme und Organisationen, darunter viele Religionsgemeinschaften. Auch die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) etablierte zunächst eine gute Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, eparchiale Jugendabteilungen, orthodoxe Ferienlager, Hochschulvereine, Freiwilligenorganisationen, Foren, Bildungsprojekte und große Kirchenveranstaltungen. Die Koordinierung dieser Arbeit wurde von der Synodalabteilung für Jugendangelegenheiten des Moskauer Patriarchen geleistet, die im Jahr 2000 gegründet wurde. Zusätzlich war das gesamte System der kirchlichen Bildung – von Sonntagsschulen und orthodoxen Gymnasien bis hin zu geistlichen Seminaren und Universitäten – ebenfalls darauf ausgerichtet, die russische Jugend für die Kirche zu gewinnen.

Zu Beginn der 2000er Jahre entwickelte sich eine größere Nähe zur staatlichen Jugendpolitik. Die Kirche trat immer häufiger nicht nur als religiöse Institution in Erscheinung, sondern widmete sich einer „geistig-moralischen Erziehung“, dem Patriotismus und „traditioneller Wertearbeit“ auch an der Seite des Staates. Nach und nach wurde die Sphäre der religiösen Jugend Teil einer weitreichenderen konservativen Infrastruktur. Staatliche Stipendien, patriotische Projekte, Umstrukturierung der Schulbildung und verschiedene Formen „historischer Aufklärung“ verstärkten diese Entwicklung. Obwohl viele Aktivitäten auf der Ebene einzelner Gemeinden und vor allem im Umfeld charismatischer Priester erhalten blieben, wurde die kirchliche Jugendarbeit zunehmend vereinheitlicht.

Die Kirche im Bildungssystem

Der Staat sieht die Kirche seit vielen Jahren als strategischen Partner, um die institutionelle Bildung zu ideologisieren. Über Schulen, Berufsfachschulen und Jugendorganisationen sollen Loyalität, Patriotismus und „traditionelle Werte“ fest im Bewusstsein der jungen Generation verankert werden. Die ROK erhielt so die Möglichkeit, in die staatliche Bildungsstruktur einzudringen und eine umfassende Ansprache zur Verfügung zu stellen, mit der der Staat über Familie, Moral, Krieg, Patriotismus und nationale Identität kommunizieren kann.

Mit den Änderungen des Bildungsgesetzes im Jahr 2020 wurde „Erziehung“ obligatorischer Teil des Lehrplans. Die Schulen wurden verpflichtet, eigene Programme zur Erziehungsarbeit auszuarbeiten, die sich an den „geistig-moralischen Werten“ orientieren und damit die Kirche fest verankerten. Darauf aufbauend wurde die Schule ab 2022 nicht nur als Bildungsort betrachtet, sondern als Instrument der politischen Sozialisierung, um Loyalität zu sichern und eine Unterstützung des Krieges in der Ukraine zu befördern. Die „Gespräche über das Wichtige“ — wöchentliche Unterrichtseinheiten über Werte, Geschichte und Kultur, die in allen russischen Schulen seit Herbst 2022 verpflichtend sind – sind seither ein zentralisiertes System der politischen und sozialen Indoktrination. Während solcher Unterrichtsstunden wird die Nationalfahne gehisst und die Hymne gesungen. Das methodische Unterrichtsmaterial wird von Moskau aus landesweit in alle Schule verschickt. Darin nimmt die Orthodoxie viel Raum ein, als selbstverständlicher Teil der „russischen Zivilisation“ und der historischen Norm. Zu Weihnachten 2023 war eine Videoansprache des Patriarchen Kirill an die Schülerinnen und Schüler Teil dieser Unterrichtsstunde.

Die Kirche ist damit inhaltlich und methodisch stark in das Bildungssystem eingebunden. 2023 unterschrieb die Synodalabteilung für religiöse Bildung und Katechese eine Vereinbarung mit dem Institut für strategische Bildungsentwicklung der Russischen Akademie für Bildung. Formell ging es darum, bei der Ausarbeitung methodischer Materialien zusammenzuarbeiten und um fachliche Beratungen und die Unterstützung bei der Ausarbeitung von Programmen zur geistig-moralischen Erziehung. Es bedeutet faktisch aber die systematische Verfestigung kirchlicher Strukturen innerhalb der staatlichen Produktion von Bildungsinhalten.

Anpassungen an den Krieg

Nach 2022 veränderte sich die Infrastruktur kirchlicher Jugendarbeit sehr stark. Wenn früher die Jugendarbeit im Grunde aus Pilgerfahrten, Vorträgen über Familie und Freiwilligendienste, Pfadfinderlagern und gemeinsame Feierlichkeiten bestand, geht es jetzt zunehmend um die Front, die Armee, die Unterstützung der russischen Soldaten, Treffen mit Kriegsteilnehmern und Fahrten in die besetzten Gebiete der Ukraine.

Der Krieg, der offiziell eigentlich „militärische Spezialoperation“ genannt wird, ist in der Jugendarbeit kein separates „politisches Thema“, sondern Teil der kirchlichen Agenda: Beim Wohltätigkeitsball wird Geld „für die Versorgung der Soldaten“ gesammelt, zum Jugendforum werden Kriegsteilnehmende aus dem Donbas eingeladen, bei einer Schulveranstaltung sind gleichzeitig ein Veteran und ein Priester anwesend, oder es werden Geschenke für die Menschen in den besetzten Gebiete der Ukraine gesammelt.

Ein typisches Beispiel ist das zweite orthodox-patriotische Jugendforum des heiligen Theophan „Gottes Fischzug“, das die Skopiner Eparchie im Sommer 2023 organisierte. Das erklärte Ziel war die „patriotische Erziehung und geistige Aufklärung der Jugend“. Es waren junge Leute zwischen 18 und 35 Jahren sowie Studierende der Luhansker staatlichen Dahl-Universität eingeladen und Kriegsteilnehmende im Donbas. Auf dem Programm standen ein Zeltlager, Kurse für taktische Notfallmedizin, Workshops zum Verhalten in Extremsituationen, Treffen mit Kriegsveteranen und dem Bischof Serafim von Istra – damals Vorsitzender der Synodalabteilung für Jugendangelegenheiten und für Gebet und liturgische Fragen. Das ist das Vorführmodell der neuen kirchlichen Jugendpolitik: Orthodoxie, Kampferfahrung, Patriotismus und Gespräche über „russisches Staatsbürgertum“ in einem Paket.

Ein anderes Beispiel ist der Jugend-Wohltätigkeitsball zum Tag der Darstellung des Herrn („Sretenie“) in Kasan, Hauptstadt der halbautonomen Republik Tatarstan im Südwesten der Russischen Föderation. Formell ist es eine Kulturveranstaltung: Ball, Konzertprogramm, ein Treffen von Jugendlichen. Aber im Rathausfoyer gibt es einen Wohltätigkeitsbasar „zur Unterstützung der militärischen Spezialoperation“, die Fotoausstellung „Donbass. Leben!“, Erste-Hilfe-Workshops vom Zentrum zur Unterstützung der Teilnehmenden der militärischen Spezialoperation und ihrer Familien, Spendenaktionen für die Versorgung der Soldaten“. Organisatorin ist dabei die eparchiale Jugendabteilung unter Mitwirkung der Stadt Kasan. Der Krieg wird auf diese Weise Teil einer normalen kirchlichen Sozialisierung von Jugendlichen – durch Feiertag, Wohltätigkeit, Tanz, Ausstellung und „gute Tat“.

Es gehört inzwischen zur Regel, dass Priester und Soldaten zusammen in die Schulen gehen. Im Dezember 2025 fand im Gymnasium Nr. 111 in der sibirischen Großstadt Nowokusnetsk ein Treffen im Rahmen des Projekts „Wir lassen unsere Leute nicht im Stich“ statt.

Mit den Schülerinnen und Schülern trafen sich der Veteran Wladimir Smirnow, der an der „militärischen Spezialoperation“ teilgenommen hat, der Leiter der Jugendabteilung des örtlichen Bistums, Andrej Rusanow, sowie Lehrer und Lehrerinnen. Smirnow erzählte den Kindern von seinen Erfahrungen an der Front, von der angeblichen Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung, von Kindern aus der Stadt Horliwka und anderen ukrainischen Orten, die Russland besetzt hat. Die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrkräfte beteiligten sich an einer Sammelaktion von Neujahrs- und Weihnachtsgeschenken für Kinder aus Horliwka und für die russischen Soldaten. Berichte über solche Treffen findet man auf Webseiten von kirchlichen Verwaltungsbezirken und Schulen.

Auch Militärgeistliche, die aus dem Kriegsgebiet zurückgekehrt sind, sind regelmäßig zu Gast in Schulen. Sie berichten vom „Dienst am Vaterland“ und darüber, wie der orthodoxe Glaube den Soldaten an der Front hilft. In Kadettenklassen segnen die Priester die Schülerinnen und Schüler und sprechen Gebete. Es kommt vor, dass diese militärisch-patriotischen Segenssprechungen von Gottesdiensten begleitet werden.

Auch Priesterseminare sind eng in die militärische Infrastruktur eingebunden. Die Studierenden sammeln Hilfsgüter für die Front, fahren in die von Russland besetzten Gebiete, nehmen an humanitären Missionen teil und bereiten sich auf den Dienst in Kriegsgebieten vor. Dies ist Teil der geistlichen Ausbildung.

Orthodoxe Lager, Pfadfinder-Bruderschaften und militärisch-patriotische Klubs sind nicht nur wichtige Angebote der orthodoxen Jugendarbeit in Russland, sondern auch in der russischen Diaspora. Für viele Familien macht es die Ferien- und Freizeitgestaltung ihrer Kinder leichter erschwinglich. In der Oblast Samarska an der Wolga standen beim Lager der orthodoxen Vereinigung „Erlöser“ für Jugendliche zwischen zehn und 18 Jahren taktische Übungen, der Umgang mit Landkarten und Drohnen sowie Angriffs- und Evakuierungsszenarien auf dem Stundenplan. Die Teilnehmer trugen Aufnäher mit der Aufschrift „Wir sind Russen, Gott steht uns bei“. Der Krieg in der Ukraine wurde als weltanschaulicher Konflikt mit dem Westen behandelt. Am Ende wurden schwarze Barette ausgehändigt, und die Teilnehmenden sprachen darauf den Eid: „Ich diene dem Vaterland und dem orthodoxen Glauben.“ Der Charakter eines Initiationsrituals ist dabei nicht zu übersehen. Eine Verbindung zwischen orthodoxem Glauben, Militärdisziplin und russischer Identität wird dabei emotional und symbolisch inszeniert.

Orthodoxe Familienwerte für das Vaterland

Dabei wird auch das staatliche Demografieprogramm mitverbreitet. Trotz des gesellschaftlichen Widerstands gegen die rigiden Forderungen der Kirche, die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen einzuschränken, konnte die ROK schon früh die Debatte über Familie, Sex und Geschlechterrollen monopolisieren. Nach 2022 verschmolz die staatliche demografische Politik mit religiösen Moralvorstellungen und deren Rhetorik. In Schulen und Berufsfachschulen wurden Vorlesungen über die „traditionelle Familie“, Keuschheit und „geistige Werte“ eingeführt. Priester und orthodoxe Psychologen erzählen den Jugendlichen, voreheliche Beziehungen hätten negative Auswirkungen, reden über „die Bestimmung der Frau“, propagieren Kinderreichtum und erklären Verhütung und Schwangerschaftsabbrüche zur Sünde.

Wenn sich in den 2000er Jahren die offizielle Rhetorik über Jugendliche noch um Begriffe wie Modernisierung, Konkurrenzfähigkeit und ökonomische Entwicklung rankte, so rückten nach 2022 Dienst, Opferbereitschaft, Spiritualität und die historische Mission Russlands stärker in den Vordergrund. Kirchlicher und staatlicher Diskurs verstärken sich dabei gegenseitig und werden von orthodoxen Medien unterstützt, die sich vor allem an ein junges Publikum richten. Der Fernsehkanal „Spas“, orthodoxe Telegram-Kanäle, Jugend-Blogs und Videoprojekte verbreiten aktiv solche Narrative über Heldentum, Kriegsdienst und die spirituelle Natur des Krieges. Dort wird die Front häufig als „Raum moralischer Reinigung“ beschrieben und Kriegsdienst als Form religiöser Tugend. Das junge Publikum trifft auf diese Rhetorik auch zunehmend in der digitalen Welt, wo die Grenzen zwischen staatlichem Patriotismus, religiöser Sprache und Internetkultur verschwimmen.

All das bedeutet nicht etwa, dass die Gläubigkeit unter Jugendlichen stark zunimmt. Soziologische Studien zeigen, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung keine praktizierenden Gläubigen sind, sondern sich der Kirche als Russen kulturell verbunden fühlen. Das gilt vor allem für junge Leute. An orthodoxen Gottesdiensten nehmen nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung regelmäßig teil. Für einen großen Teil der Jugendlichen ist die Orthodoxie also weniger ein Glaubensbekenntnis oder eine religiöse Praxis, sondern vielmehr Ausdruck von Patriotismus und nationaler Identität. Die Kirche befördert diese Sichtweise und gibt ihr ihren Segen.