OWEP 3/2026
Schwerpunkt:
Aufwachsen in unsicheren Zeiten
Editorial
Der Blick auf „die Jugend“ bewegt sich häufig zwischen hoffnungslosem Pessimismus und idealisierender Zukunftsperspektive. So einfach es auch scheint, diese Gruppe allein aufgrund des Alters zu erfassen, so vielfältig und widersprüchlich sind jedoch die Beobachtungen, die sich in konkreten Regionen gegenwärtig zeigen. In Ost- und Südosteuropa wächst nach Jahren der gesellschaftlichen Transformationen eine Generation heran, für die Krisen längst zur Normalität geworden sind. Krieg wie dauerhafte geo- und innenpolitische Krisen stellen junge Menschen vor besonders große Herausforderungen und machen „die Jugend“ gleichzeitig zu einem wichtigen Objekt politischer Strategien.
Diese Ausgabe beginnt mit einem Blick in das Europaparlament, das für die europäischen Integrationsprozesse immer wieder gezielt junge Menschen ansprechen möchte. Dort sind junge Menschen allerdings kaum vertreten. In der Ukraine findet Schule zwischen Luftalarmen, im U-Bahn-Schacht oder online statt, geprägt von Widerstandskraft, Verletzlichkeit und ständigem Neuanfang. In Lettland gehören Militärkunde und Schießtraining inzwischen zum Pflichtunterricht, und in Russland verbinden Staat und Orthodoxe Kirche ihre Jugendarbeit zunehmend mit Patriotismus und Kriegserziehung. Auch in Deutschland erreicht russische Desinformation die Klassenzimmer – Projekte wie „Unfollow Propaganda“ setzen dagegen auf Medienkompetenz und Landeskunde.
Doch das Heft erzählt nicht nur von Vereinnahmung, sondern auch von Eigensinn und Aufbruch. In Zentralasien, wo fast ein Drittel der Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist, treibt eine junge Generation den gesellschaftlichen Wandel voran. In Georgien blicken junge Menschen erstaunlich zuversichtlich auf ihr Leben, träumen von Europa und erwägen zugleich die Auswanderung. Auf dem Balkan überwindet die Musik – von Balkan Trap bis Pop-Folk – die Grenzen, die Kriege einst gezogen haben. Persönliche Berichte, etwa aus einem Freiwilligendienst in Albanien oder aus der Begegnungsstätte Kreisau, zeigen, wie Jugend über Grenzen hinweg Brücken baut.
Unser Heft zeigt das vielstimmige Porträt einer Generation, die zugleich Objekt politischer Gestaltung und treibende Kraft der Zukunft ist – zwischen Bedrohung und Hoffnung, Kontrolle und Selbstbestimmung.
Die Redaktion
Inhaltsverzeichnis
Wenig junge Leute im Europaparlament
Gemma Pörzgen
Obwohl junge Europäer in vielen Mitgliedsländer schon mit 16 Jahren wählen dürfen, gibt es im Europaparlament nur wenige junge Abgeordnete, die diese Generation repräsentieren. Die SPD-Politikerin Sabrina Repp ist dort die jüngste deutsche Parlamentarierin und beschäftigt sich mit der EU-Jugendstrategie, deren Ziel es ist, junge Leute stärker am demokratischen Leben in Europa zu beteiligen.
Although young Europeans in many Member States are allowed to vote from the age of 16, there are only a few young MEPs in the European Parliament who represent this generation. SPD politician Sabrina Repp is the youngest German MEP there and is working on the EU Youth Strategy, which aims to involve young people more closely in democratic life in Europe.
Militärkunde und Schießen in der Schule
Alexander Welscher
In Deutschland undenkbar, in Lettland seit inzwischen zwei Jahren Alltag: Militärkunde-Unterricht und Schießtraining an Schulen. Damit will das EU-Land an der NATO-Ostflanke junge Menschen wehrhaft machen und auf Krisensituationen vorbereiten. Ein Besuch an einer Schule in Ādaži.
Unthinkable in Germany, but now part of everyday life in Latvia for the past two years: military studies lessons and shooting training in schools. Through this initiative, the EU country on NATO’s eastern flank aims to equip young people with the skills to defend themselves and prepare them for crisis situations. A visit to a school in Ādaži.
Ukrainischer Schulalltag im Krieg
Helen Pidgorna
In der Ukraine wächst eine junge Generation heran, die kein Leben ohne Krieg kennt. Wie vieles im Alltag musste auch der Schulunterricht an die Bedingungen von Beschuss, psychischer Belastung, unvollständige Familien und Fluchterfahrungen angepasst werden. Gespräche mit Jugendlichen zeigen, wie das Schulleben sich dadurch verändert hat.
A young generation is growing up in Ukraine that has known no life without war. Like so many aspects of daily life, school lessons have had to be adapted to cope with shelling, psychological stress, broken families and the experience of displacement. Conversations with young people reveal how school life has changed as a result.
Kampf gegen Desinformation im Klassenzimmer. Ein Gespräch mit der Journalistin Mandy Ganske-Zapf
Gemma Pörzgen
Russische Desinformation erreicht auch junge Leute in Deutschland. Das Projekt "Unfollow Propaganda" bietet deshalb Workshops für Schulen an, in denen die in Osteuropa erfahrenen Journalistinnen Mandy Ganske-Zapf und Tamina Kutscher darüber aufklären und zugleich über Landeskunde informieren. Über ihre Erfahrungen sprach Ganske-Zapf mit OWEP-Chefredakteurin Gemma Pörzgen.
Russian disinformation is also reaching young people in Germany. The “Unfollow Propaganda” project therefore offers workshops for schools, in which journalists Mandy Ganske-Zapf and Tamina Kutscher – who have experience of Eastern Europe – raise awareness of the issue whilst also providing information on regional studies. Ganske-Zapf spoke to OWEP editor-in-chief Gemma Pörzgen about her experiences.
Orthodoxe Jugendarbeit zwischen Katechese und Kriegserziehung
Xenia Lutschenko
Mit dem vollumfänglichen Krieg gegen die Ukraine hat die russische Regierung ihre Jugendarbeit seit 2022 an die neue Zeit angepasst. Die Ideologisierung und Militarisierung prägen auch das Bildungssystem sowie die außerschulische Sozialisierung der jungen Generation. Die Russische Orthodoxe Kirche ist dabei zu einem wichtigen Mitspieler bei der Vermittlung von Patriotismus und der kriegsbefürwortenden Staatspolitik geworden.
With the full-scale war against Ukraine, since 2022, the Russian government has adapted its youth work to the new circumstances. Ideologisation and militarisation are also shaping the education system and the out-of-school socialisation of the younger generation. The Russian Orthodox Church has become a key player in promoting patriotism and the state’s pro-war policy.
Generationenwechsel als treibende Kraft in Zentralasien
Temur Umarov
Der gesellschaftliche und politische Wandel in Zentralasien mit seiner sehr jungen Bevölkerung ist enorm. Eine neue Generation mit eigenen Ansprüchen zwingt die politischen Machthaber in veränderte Rollen und ermöglicht eine Emanzipation von ehemaligen Einflusssphären hin zu einer eigenen Identität und verstärkter regionaler Zusammenarbeit.
The social and political changes taking place in Central Asia, with its very young population, are enormous. A new generation with its own aspirations is forcing political leaders to adopt new roles and is paving the way for a shift away from former spheres of influence towards the development of a distinct identity and greater regional cooperation.
Jugend in Georgien zwischen Zuversicht und Unsicherheit
Tamar Khoshtaria
Zwischen Hoffnung und Frust: Junge Menschen in Georgien blicken erstaunlich positiv auf ihr eigenes Leben – und zugleich kritisch auf Politik, Wirtschaft und ihre Zukunft im Land. Viele aus der jungen Generation der 18- bis 34-Jährigen überlegen, zeitweise ins Ausland zu gehen. Aber das steht nicht im Widerspruch zu ihrem Glauben an ein besseres Georgien und eine mögliche Rückkehr.
Between hope and frustration: young people in Georgia take a surprisingly positive view of their own lives – whilst at the same time taking a critical view of politics, the economy and their future in the country. Many in the 18–34 age group are considering moving abroad for a while. But this does not contradict their belief in a better Georgia and the possibility of returning.
Freiwilligendienst im albanischen „Klösterle“
Gemma Pörzgen
Miriam ist heute 22 Jahre alt und blickt mit Wehmut auf ihren Aufenthalt in Albanien zurück. Sie war dorthin neun Monate über die Organisation Initiative Christen für Europa (ICE) vermittelt worden, die Freiwilligendienste organisiert. "Brücken der Menschlichkeit" ist deren Leitmotiv. Deshalb werden junge Leute, meist in soziale und pädagogische Projekte vermittelt. Mit Miriam sprach OWEP-Chefredakteurin Gemma Pörzgen über deren Erfahrungen und hat sie aufgeschrieben.
Miriam is now 22 years old and looks back wistfully on her time in Albania. She was sent there for nine months through the organisation Initiative Christians for Europe (ICE), which organises voluntary service programmes. “Bridges of Humanity” is their guiding principle. That is why young people are usually placed in social and educational projects. OWEP editor-in-chief Gemma Pörzgen spoke to Miriam about her experiences and has written them down.
Von New Wave bis Balkan Trap
Krešimir Krolo
Anfang der 1990er Jahre brach mit der Auflösung Jugoslawiens und den Balkan-Kriegen auch der gemeinsame Kulturraum zusammen. Die Musik wurde zu einem Instrument nationaler Abgrenzung. Doch in der jungen Generation konsumieren viele Balkan Trap und zeitgenössischen Pop-Folk wieder über die Grenzen hinweg.
In the early 1990s, with the break-up of Yugoslavia and the Balkan Wars, the shared cultural space also collapsed. Music became a tool for national differentiation. Yet among the younger generation, many are once again listening to Balkan trap and contemporary pop-folk across national borders.
Jugend zwischen Hoffnung und Aufbruch
Elena Avramovska
In Südosteuropa wächst eine Generation unter Bedingungen auf, die alles andere als stabil erscheinen. Für viele ist das Versprechen eines stetigen Fortschritts – wirtschaftlich, politisch oder persönlich – einer weit weniger sicheren Realität gewichen. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat das untersucht.
In south-eastern Europe, a generation is growing up in circumstances that appear anything but stable. For many, the promise of steady progress – whether economic, political or personal – has given way to a far less secure reality. A study by the Friedrich Ebert Foundation has examined this issue.
Kreisau als Ort der Jugendbegegnung. Gespräch mit dem Gedenkstätten-Leiter Dominik Kretschmann
Gemma Pörzgen
Die Internationale Jugendbegegnungsstätte (IJBS) im polnischen Krzyżowa (Kreisau) liegt auf einem historischen Landgut rund 60 Kilometer südwestlich von Wrocław (Breslau). Einst trafen sich dort die Widerstandskämpfer des “Kreisauer Kreises”, um den Umsturz des NS-Regimes im Geheimen zu planen. Heute ist es ein Ort der Begegnung für Jugendliche aus ganz Europa. Mit dem Leiter der Gedenkstätte Dominik Kretschmann sprach OWEP-Chefredakteurin Gemma Pörzgen.
The International Youth Meeting Centre (IJBS) in Krzyżowa (Kreisau), Poland, is situated on a historic estate some 60 kilometres south-west of Wrocław (Breslau). It was here that the resistance fighters of the ‘Kreisau Circle’ once met to secretly plan the overthrow of the Nazi regime. Today, it is a meeting place for young people from all over Europe. OWEP editor-in-chief Gemma Pörzgen spoke to Dominik Kretschmann, director of the memorial site.
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