OWEP 2/2015

OWEP 2/2015

Schwerpunkt:
Menschenhandel – moderne Sklaverei in Europa

Editorial

Erschütternde Bilder sind es, wenn Zeitungen oder Fernsehen Formen moderner Sklaverei zeigen. Aber: Sklaverei im 21. Jahrhundert, inmitten einer Welt, in der die Menschenrechte selbstverständlich gelten und jederzeit eingeklagt werden können? Wie leider gar nicht so selten klaffen Anspruch und Wirklichkeit, wenn es um das Thema „Menschenhandel“ geht, weit auseinander.

Die moderne Sklaverei hat viele Gesichter: Menschen werden gezwungen, für Hungerlöhne zu arbeiten, andere – überwiegend Frauen und Kinder – sind Opfer sexueller Ausbeutung, selbst der Organhandel ist zu einem Geschäft mit hohen Umsätzen geworden. Der Mensch als Objekt und Handelsware spielt auf dem globalen Markt eine immer größere Rolle.

In Europa haben sich nach den Veränderungen zwischen 1989 und 1991 und seit dem Beitritt mehrerer Staaten Ost- und Südosteuropas zur Europäischen Union infolge der offenen Grenzen viele Menschen aus der Not heraus auf den Weg Richtung Westen gemacht, um Arbeit zu finden. Nicht wenige wurden und werden Opfer falscher Versprechungen und geraten in die Fänge der modernen Menschenhändler. Das Heft vermittelt einen Überblick über die unterschiedlichen Felder eines Systems, das Menschen erniedrigt und ihnen die Würde raubt. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Handel mit der „Ware Frau“ (Zwangsprostitution).

Experten aus den Bereichen des Rechts und der Kriminalpolizei kommen ebenso zu Wort wie Vertreter von Hilfsorganisationen, die sich seit Jahrzehnten um die Opfer bemühen und dabei im Kampf gegen die kriminellen Netzwerke oft genug ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Schließlich gibt das Heft auch den Opfern ein Gesicht: Einige kommen direkt zu Wort, für andere stehen anonymisierte Bilder.

Der Kampf gegen die moderne Sklaverei des Menschenhandels ist eine Aufgabe, die Staat, Kirche und Gesellschaft gemeinsam angehen müssen. Wenn das vorliegende Heft nicht nur Informationen vermittelt, sondern auch zum tieferen Nachdenken über die Situation der Betroffenen anregt, wäre sicher viel erreicht.

Die Redaktion

Kurzinfo

Zu den traurigen Folgen der Globalisierung zählt der weltweite Handel mit der „Ware Mensch“. Dank der Medien kann heutzutage in Europa niemand die Augen vor der Tatsache verschließen, dass Millionen Menschen auf der Flucht vor unerträglichen Verhältnissen in ihren Heimatländern sind, dabei oft organisierten Schlepperbanden in die Hände fallen und – sofern sie die gefahrvolle Reise in die „gelobten“ Länder der „Ersten Welt“ überhaupt überleben – bei der Ankunft feststellen müssen, dass sie grausam getäuscht worden sind: Statt gut bezahlter Arbeit erwartet sie häufig Ausbeutung unter sklavenähnlichen Bedingungen für Hungerlöhne. Natürlich gibt es auch viele, denen der Absprung in das erhoffte bessere Leben gelingt, oder andere, die es schaffen, ihre Situation nach und nach zu verbessern. Dennoch trifft, gerade auch wenn sich der Blick auf die Migrationsströme richtet, die nach Europa – Stichwort „Bootsflüchtlinge“ – oder innerhalb Europas aus dem ärmeren Südosten in den reichen Nordwesten des Kontinents zielen, das oben angedeutete Szenarium zu, und tagtäglich spielen sich auch in Deutschland zahllose Fälle von Ausbeutung und Missbrauch ab.

Das vorliegende Heft von OST-WEST. Europäische Perspektiven kann sich angesichts der Komplexität des Themas „Menschenhandel“ nur mit einigen Teilbereichen befassen. Einen Schwerpunkt bildet das Thema „Zwangsprostitution“, das innerhalb Europas seit der EU-Osterweiterung 2004 und 2007 und der damit verbundenen Öffnung der Grenzen erschreckende Ausmaße angenommen hat. Betroffene erheben anonymisiert ihre Stimme, Rechtsexperten und Vertreter von Hilfsorganisationen schildern ihren schwierigen Kampf gegen ein System, das die menschliche Würde mit Füßen tritt.

Zu Beginn des Heftes steht der Bericht der Menschenrechtsaktivistin Inge Bell, die das „System Menschenhandel“ in seinen Abgründen vorstellt und anhand des Beispiels einer jungen Rumänin zeigt, wie Menschen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen missbraucht werden. Die eingefügten Bilder bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Mit den Fragen, wie das „älteste Gewerbe der Welt“ vom ethischen Standpunkt her einzuschätzen ist, ob es so etwas wie „freiwillige“ Prostitution geben kann und welche Auswirkungen diese Form der Sexualität für die betroffenen Frauen (und Männer) hat, befasst sich in ihrem pointierten Beitrag die an der Universität Erfurt lehrende Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Elke Mack. Sie wirft auch einen Blick auf die mit der Prostitution verbundenen rechtlichen Probleme, unter anderem auf Fragen nach den Folgen von völliger Freigabe oder striktem Verbot und den von Land zu Land unterschiedlichen Erfahrungen. Juristische Regelungen und internationale Abkommen gegen den Menschenhandel in Mittel- und Südosteuropa stehen im Mittelpunkt des Beitrags der Politikwissenschaftlerin Dr. Bärbel Heide Uhl. Im Rahmen von UN, EU, Europarat und OSZE sind in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Abkommen geschlossen worden, deren Umsetzung in vielen Ländern allerdings eher zögerlich verläuft. Immerhin gibt es erste Erfolge, besonders beim Kampf gegen organisierte Schleuserbanden.

Der anschließende Beitrag von Polizeioberkommissar Christian Wulzinger aus München führt den Leser vom allgemeinen Phänomen in das konkrete Umfeld der Prostitution und den Alltag der betroffenen Frauen in einer deutschen Großstadt. Anhand von Zahlenmaterial wird der wachsende Anteil von Frauen und Mädchen aus Südosteuropa deutlich. Ausführlich erläutert der Autor die Probleme, die das deutsche Prostitutionsgesetz vom 1. Januar 2002 mit sich gebracht hat: Es sollte die Lage der Prostituierten verbessern, hat letztlich jedoch eher das Gegenteil bewirkt und, um die Interviewpartnerin im folgenden Text zu zitieren, Deutschland zum „Bordell Europas“ gemacht. Mit scharfen Worten geißelt Schwester Lea Ackermann, die Gründerin von SOLWODI („Solidarity with Women in Distress“ / „Solidarität mit Frauen in Not“) die Auswüchse von Menschenhandel und Prostitution in Deutschland und scheut auch nicht davor zurück, der Politik Versagen vorzuwerfen. Ähnlich deutliche Worte, diesmal allerdings von Betroffenen, enthält auch der Beitrag von Cathrin Schauer, Krankenschwester und Geschäftsführerin im Vorstand der Hilfsorganisation KARO e.V., die sich um Opfer der Zwangsprostitution im deutsch-tschechischen Grenzbereich bemüht. Die erschütternden Zeugnisse, denen zufolge selbst Kleinkinder Opfer von Menschenhandel und sexuellem Missbrauch werden, stimmen sehr nachdenklich.

Die Themen „Menschenhandel“ und „Prostitution“ haben durchaus auch eine biblische Dimension und bieten darüber hinaus Ansätze zu einem philosophischen Diskurs über den Opferbegriff. Der emeritierte Tübinger Pastoraltheologe Prof. Dr. Ottmar Fuchs führt in seinem Essay den Leser in mehreren Schritten zur Figur des „homo sacer“ und dessen auswegloser Situation. Jede Art von Ausbeutung wird letztlich durch den liebenden Vatergott überwunden.

Hilfe in konkreter Notlage ebenso wie Unterstützung auf dem Weg in ein „normales“ Familien- und Arbeitsleben für betroffene Opfer bieten zahlreiche Organisationen. Auch Renovabis e.V., das Osteuropahilfswerk der deutschen Katholiken, engagiert sich seit seiner Gründung 1993 in diesem Bereich und hat im Jahr 2000 die Gründung des „Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel“ mit angestoßen. Burkhard Haneke, Geschäftsführer bei Renovabis, vermittelt in seinem kurzen Beitrag einen Überblick über wichtige Renovabis-Projekte und über die Tätigkeit weiterer Fachberatungsstellen. Er führte auch das Gespräch mit der Psychotherapeutin Michaela Huber, der ersten Vorsitzenden der Gesellschaft für Trauma und Dissoziation, das die Reihe der Beiträge im Heft beschließt. Deutlich wird in diesem Gespräch, welche schwerwiegenden Folgen der sexuelle Missbrauch nach sich zieht; die Gesprächspartnerin weist aber auch Wege zur Therapie auf, die freilich mühevoll sind und viel Zeit und Engagement seitens der Therapeuten erfordern.

Abgeschlossen wird das Heft durch Auszüge aus zwei Dokumenten, und zwar aus der „Richtlinie 2011/36/EU vom 5. April 2011 zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels“ und aus der Botschaft von Papst Franziskus zum 48. Weltfriedenstag am 1. Januar 2015 mit der Überschrift „Nicht mehr Knechte, sondern Brüder“. Eine ausführliche Bücherliste vermittelt Anregungen zur vertiefenden Lektüre.

Ein Hinweis auf das nächste Heft: Im August 2015 wird das dritte Heft des 16. Jahrgangs erscheinen, das sich mit dem Selbstverständnis Russlands und seinem Verhältnis gegenüber dem übrigen Europa in der gegenwärtigen krisenhaften Situation befassen wird.

Dr. Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

82
Verkauft, betrogen, ausgebeutet – Menschen als Ware. Das „System Menschenhandel“
Inge Bell
94
Ist Prostitution jemals frei?
Elke Mack
102
Strategien gegen Menschenhandel in Mittel- und Südosteuropa seit 2004. Eine Zwischenbilanz
Bärbel Heide Uhl
108
Menschenhandel – Renaissance eines Unrechts in Europa
Christian Wulzinger
117
„Frauenhandel und Prostitution sind die letzte Bastion des Patriarchats.“ Ein Gespräch mit Schwester Lea Ackermann
Michael Albus
122
Sexuelle Ausbeutung in der deutsch-tschechischen Grenzregion
Cathrin Schauer
130
Theologische und pastorale Aspekte des Menschenhandels
Ottmar Fuchs
139
Renovabis-Projekte und das „Aktionsbündnis gegen Frauenhandel“
Burkhard Haneke
142
„Wir müssen dringend mehr wissen, um besser helfen zu können.“ Ein Gespräch mit Michaela Huber
Burkhard Haneke
148
Dokument: EU-Richtlinie zur Verhütung und Bekämpfung des Menschenhandels vom 5. April 2011 (Auszug)
OWEP-Redaktion
153
Dokument: Botschaft von Papst Franziskus zum Weltfriedenstag 2015: „Nicht mehr Knechte, sondern Brüder“ (Auszug)
OWEP-Redaktion
157
Bücher
OWEP-Redaktion