OWEP 4/2026

OWEP 4/2026

Schwerpunkt:
Ewige Ruhe

Editorial

Friedhöfe und Gräber sind seit Menschheitsgedenken wichtige Erinnerungsorte. Sie dienen der Trauer und dem Abschied, spiegeln aber auch Religion, Kultur, Macht und gesellschaftlichen Wandel wider. Diese Ausgabe erzählt von vielfältigen Formen des Gedenkens in Ost-, Mittel- und Südosteuropa.

Der russische Journalist Andrej Arkhangelski beschreibt, wie das Grab des Oppositionspolitikers Alexej Nawalny in Moskau zur Pilgerstätte des Protests geworden ist. Unser Redaktionsmitglied Matthias Kneip erkundet verborgene, polnische Friedhöfe und deren Geschichten. Ein Text der Soziologin Alla Marchenko widmet sich der Ruhestätte des chassidischen Rabbi Nachman in der Ukraine, die Juden aus aller Welt anzieht. Der Historiker Jaroslav Šebek zeichnet die Geschichte Kardinal Josef Berans nach, dessen sterbliche Überreste erst Jahrzehnte nach dessen Tod nach Prag zurückkehrten. In einem Beitrag geht es um das umstrittene Gedenken an die Opfer des Fährunglücks der „Estonia“, deren Wrack zum Grab in der Ostsee geworden ist.

Der Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, Dirk Pörschmann, erläutert im Interview das Wesen von Bestattungskulturen als Ausdruck ihrer Zeit. Weitere Beiträge handeln von Totenhäusern und Totengedenken in Georgiens Bergregion Tuschetien sowie der Zerstörung von Friedhöfen, Gräbern und armenischen Kreuzsteinen in Bergkarabach. Nomadische Friedhöfe in Kasachstan wirken als Zeugnisse ethnischer und religiöser Vielfalt.

Nicht alle Toten erhalten sofort einen Namen oder einen würdigen Gedenkort. Dirk Backen vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge berichtet über die Suche nach Vermissten und die Klärung ihrer Schicksale. Die Journalistin Taina Tervonen schildert aus Bosnien-Herzegowina die Folgen des Völkermords und die mühsame Identifizierung von Opfern aus Massengräbern. Die Erinnerung gibt ihnen Namen und Würde zurück. Ein Beitrag über Tierfriedhöfe in Polen zeigt das Bedürfnis, Tierliebe über den Tod hinaus sichtbar zu bewahren.

Friedhöfe und Gräber erscheinen als Orte der Trauer und Hoffnung, des persönlichen Erinnerns und politischen Streits, als Zeugnisse kultureller Vielfalt und gesellschaftlicher Konflikte. Die Erinnerung an die Toten ist ebenso vielfältig wie das Leben.

Die Redaktion

Inhaltsverzeichnis

242
Spaziergänge über verborgene, polnische Friedhöfe
Matthias Kneip
248
Das Nawalny-Grab als Pilgerstätte des Protests
Andrej Arkhangelski
255
Die Kriegsgräberfürsorge klärt Schicksale auf. Ein Gespräch mit Generalsekretär Dirk Backen
Gemma Pörzgen
262
Die vielen Leben der Ruhestätte Rabbi Nachmans
Alla Marchenko
269
Kardinal Josef Beran und seine späte Heimkehr nach Prag
Jaroslav Šebek
274
Die Ostsee als letzte Ruhestätte
Alexander Welscher
281
Zwischen Sarg und Erinnerung. Ein Gespräch mit Museumsdirektor Dirk Pörschmann
Gemma Pörzgen
289
Bosnien-Herzegowina – Hoffnung am Rande der Massengräber
Taina Tervonen
298
Zerstörung von Gräbern und Friedhöfen in Bergkarabach
Michael Riepl
305
Gräber und Totengedenken in Tuschetien
Stefan Applis
309
Nomadische Friedhöfe in Kasachstan
Edda Schlager
314
Wo Tiere in Polen ihre letzte Ruhe finden
Maja Linnemann

Summary in English

Cemeteries and graves have been important places of remembrance since time immemorial. They serve as places for mourning and saying farewell, but also reflect religion, culture, power and social change. This issue explores the diverse forms of remembrance in Eastern, Central and South-Eastern Europe.

Russian journalist Andrei Arkhangelsky describes how the grave of opposition politician Alexej Navalny in Moscow has become a place of pilgrimage for protesters. Our editorial team member Matthias Kneip explores hidden Polish cemeteries and their stories. An article by sociologist Alla Marchenko focuses on the final resting place of the Hasidic Rabbi Nachman in Ukraine, which attracts Jews from all over the world. Historian Jaroslav Šebek traces the story of Cardinal Josef Beran, whose remains were only returned to Prague decades after his death. One article looks at the controversial commemoration of the victims of the ‘Estonia’ ferry disaster, whose wreck has become a grave in the Baltic Sea.

In an interview, Dirk Pörschmann, director of the Kassel Museum of Sepulchral Culture, explains the nature of burial cultures as an expression of their time. Other articles deal with mortuaries and memorials in the Tusheti region of the Georgian mountains, as well as the destruction of cemeteries, graves and Armenian cross-stones in Nagorno-Karabakh. Nomadic cemeteries in Kazakhstan stand as testimonies to ethnic and religious diversity.

Not all the dead are immediately given a name or a dignified place of remembrance. Dirk Backen from the German War Graves Commission reports on the search for missing persons and the process of clarifying their fates. Journalist Taina Tervonen reports from Bosnia and Herzegovina on the consequences of the genocide and the painstaking identification of victims from mass graves. Remembrance restores their names and dignity. A feature on pet cemeteries in Poland highlights the need to visibly preserve love for animals even beyond death.

Cemeteries and graves appear as places of mourning and hope, of personal remembrance and political dispute, as testimonies to cultural diversity and social conflicts. The remembrance of the dead is as diverse as life itself.