OWEP 2/2020

OWEP 2/2020

Schwerpunkt:
Friede – Unfriede – Krieg

Editorial

Eigentlich enthält der Umschlag des vorliegenden Heftes eine klare Botschaft: „Krieg“ ist durchgestrichen, vorwärts geht es nur in Richtung „Frieden“. Wie die Geschichte der Menschheit zeigt, sind die Wege zum Frieden leider sehr mühselig und werden immer wieder durch Rückschläge behindert – in vielen Epochen dominierte sogar der Krieg. Ist er, wie ein oft zitiertes Wort des Philosophen Heraklit besagt, wirklich „der Vater aller Dinge“? Ein Kinderreim lautet „Der Krieg ist sehr verschieden vom Frieden“, aber wie bei vielen Gegensatzpaaren gibt es auch hier Abstufungen und Zwischenschritte wie etwa „Kalter Krieg“ und „Unfriede“.

Diese Ausgabe nähert sich der komplexen Materie zunächst mit einer Einführung an, die die theologischen, philosophischen und völkerrechtlichen Dimensionen von „Frieden“ und „Krieg“ auslotet. Jenseits bewaffneter Konflikte spielt das Begriffspaar aber auch eine wichtige Rolle, wenn Risse durch Gesellschaften gehen, Verwerfungen zwischen Parteien oder Volksgruppen die Politik bestimmen. Ebenso können Friedensschlüsse nach Ende eines Krieges so „unbefriedigend“ sein, dass sie bereits den Keim für den nächsten Konflikt oder sogar Krieg in sich tragen. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen oder die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) können friedensstiftend wirken, oft agieren sie jedoch eher hilflos. Die Lage in Bosnien und Herzegowina, aber auch in Polen und Ungarn, wird deshalb beispielhaft beschrieben. Das deutsch-französische Verhältnis steht dagegen für eine überwundene „Erbfeindschaft“. Die Vielfalt der Beiträge kann Anstöße geben, sich der Bandbreite der Thematik bewusst zu werden. Letztlich bleibt die nüchterne Erkenntnis, dass es zum „ewigen Frieden“ (Immanuel Kant) noch ein weiter Weg ist.

An dieser Stelle sei noch ein Hinweis aus der Redaktion angefügt: Unserer langjähriger Redaktionsleiter Professor Dr. Michael Albus ist Ende März 2020 aus der Redaktion ausgeschieden. Wir danken ihm ganz herzlich für sein großes Engagement für die Zeitschrift. In der nächsten Ausgabe wird er eine Bilanz ziehen und auf seine Erfahrungen zurückblicken. Seine Nachfolge übernimmt die Journalistin Gemma Pörzgen, die in diesem Heft mit einem Beitrag vertreten ist.

Die Redaktion

Kurzinfo

75 Jahre liegt das Ende des Zweiten Weltkriegs zurück, der mehr als 60 Millionen Menschenleben forderte. „Nie wieder“, so war die Einstellung wohl der meisten Menschen 1945, die Gründung der Vereinten Nationen noch im gleichen Jahr sollte ein Zeichen für den Friedenswillen auf der ganzen Erde sein. Wie die seitherige Geschichte gezeigt hat, kam es ganz anders: Kriege, ob erklärt oder unerklärt, und bewaffnete Konflikte haben inzwischen weit mehr Opfer gefordert als der Zweite Weltkrieg – und selbst Europa, das 1945 in weiten Teilen in Trümmern lag, ist wieder zum Kriegsschauplatz geworden.

Angesichts dieses ernüchternden Befundes stellt sich die Frage nach den tieferen Ursachen für Krieg oder, noch weiter gefasst, für Gewalt zwischen den Menschen, aus der Konflikte innerhalb von Gesellschaften und Kriege entstehen, die letztlich nur zu Elend, Leid und Zerstörung führen. Obwohl das Gegenteil von Krieg, der Frieden, von den Menschen ersehnt und gewünscht wird, scheint die Entwicklung der Zivilisation vom Gegenteil dominiert zu werden: statt Friede eher Unfriede, Konflikt, „kalter“ Krieg – „heißer“ Krieg. Wenn die Redaktion der Zeitschrift OST-WEST. Europäische Perspektiven ein Themenheft unter dem Titel „Friede – Unfriede – Krieg“ gestaltet, kann dies nur als ein Versuch verstanden werden, einige Aspekte dieses sehr schwierigen, buchstäblich „verminten“ Terrains zu erfassen. Unbeantwortet bleiben muss die Frage, ob es im Menschen so etwas wie eine Veranlagung zur Gewalt gibt, womit sich sogleich die Frage nach der Verantwortung stellt bzw. danach, ob Erziehung und Kultur den Menschen zu einem friedlicheren Wesen formen können – die historische Erfahrung scheint eher dagegen zu sprechen.

Grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis zwischen Frieden und Krieg stehen im Mittelpunkt des Eröffnungsbeitrags des an der Universität Freiburg lehrenden Moraltheologen Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff. Er stellt den Begriff und die Notwendigkeit von „Frieden“ in den breiteren theologischen Kontext des hebräischen „Schalom“ (im Sinne von „Heil“) und stellt im Anschluss daran das von der modernen Friedensforschung entwickelte Vier-Säulen-Modell des Friedensaufbaus vor, dessen praktische Umsetzung immer wieder unter Rückschlägen leidet.

In den beiden folgenden Texten geht es um Länder, die nicht von einem kriegerischen Konflikt betroffen sind, sondern mit gesellschaftlichen Spannungen und Brüchen bzw. deren Folgen zu kämpfen haben. Die in Prag lebende Journalistin Bára Procházková beschreibt das Verhältnis zwischen Tschechen und Slowaken, die sich 1993 staatlich voneinander getrennt haben. Ursache dafür war eine wachsende Entfremdung, die, auch wenn die Staaten Tschechien und Slowakei heute beide Mitglieder der Europäischen Union sind und in vielen Bereichen zusammenarbeiten, die Menschen immer weiter voneinander trennt, sodass man sich trotz Verwandtschaft der Sprachen oft nicht mehr „versteht“. Der in Wien lebende deutsch-ungarische Journalist Stephan Ozsváth gibt die gesellschaftliche Stimmung in Ungarn wieder: Dort wird die Erinnerung an die vergangene Größe des Landes instrumentalisiert und das „Trauma des Vertrags von Trianon“ heraufbeschworen, was einerseits zu Auseinandersetzungen innerhalb der Gesellschaft führt, andererseits auch die Gefahr von Konflikten mit den Nachbarstaaten – besonders mit Rumänien – birgt.

Der Zerfall Jugoslawiens und die anschließenden Bürgerkriege, die gerade einmal ein Vierteljahrhundert zurück liegen, wirken bis heute nach, denn die gesamte Region leidet bis heute unter den Folgen von Gewalt, Flucht und Vertreibung. Besonders prekär ist, wie aus dem Beitrag von Weihbischof em. Dr. Pero Sudar aus Sarajevo hervorgeht, die Lage in Bosnien und Herzegowina, wo der Vertrag von Dayton ein Staatsgebilde konstruiert hat, das die Entwicklung des Landes sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich hemmt und die Menschen in großer Zahl zur Emigration zwingt. Dieser „Fall“ ist ein klassisches Beispiel dafür, dass ein „verordneter Friede“, der die Bedürfnisse der Menschen nicht wirklich in den Blick nimmt, den Keim für neuen Unfrieden legt.

Polen ähnelt in mancher Hinsicht Ungarn: Auch hier ist die Gesellschaft tief gespalten, wobei es in Polen eher um die grundsätzliche Frage der Ausrichtung zwischen „nationalkonservativ“ und „liberal“ geht, weniger um außenpolitische Konflikte. Die Analyse des an der Universität Regensburg lehrenden Politikwissenschaftlers Prof. Dr. Jerzy Macków zeigt, dass die Konfliktlinien eher unübersichtlich sind: Wenn eine der beiden Seiten der anderen Versagen und Misswirtschaft vorwirft, finden sich auch auf der Gegenseite Beispiele. Wohin das Land steuern wird, ist daher völlig offen.

Im folgenden Beitrag des Politikwissenschaftlers Dr. Kai-Olaf Lang, Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, geht es um das Verhältnis der drei baltischen Staaten zum „großen Bruder“ Russland. Neben den verwickelten historischen Beziehungen wirkt sich besonders der Status der russischen Minderheiten in Estland und Lettland auf die wechselseitigen Beziehungen aus, was ein gewisses Konfliktpotenzial beinhaltet. Ganz anders stellt sich die Lage zwischen Deutschland und Frankreich dar: Die in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin tätige Politikwissenschaftlerin Dr. Claire Demesmay beschreibt die Etappen der Annäherung beider Länder nach dem Zweiten Weltkrieg anhand der Begegnung führender Politiker. Ihr Ergebnis: Anstelle der „Erbfeindschaft“ ist eine Routine der Normalität zwischen Deutschland und Frankreich getreten.

Internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der NATO kommt eine wichtige Rolle bei der Friedenssicherung und auch bei der Lösung von bewaffneten Konflikten zu. Ihre Möglichkeiten sind allerdings begrenzt, häufig scheitern sogar Einsätze. Die an der Universität Halle-Wittenberg tätigen Politikwissenschaftlerinnen Sopio Koiava und Dr. Jana Windwehr befassen sich in ihrem Beitrag mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), deren Entstehung und Entwicklung sowie deren Einsatz im Südkaukasus sie nachzeichnen.

Abgerundet wird das Heft durch zwei Beiträge unter der Rubrik „Kontroverse“. Der in Kiew lebende Journalist Denis Trubetskoy und die in Berlin lebende Journalistin Gemma Pörzgen beleuchten kurz die neuesten Entwicklungen im ukrainisch-russischen Konflikt um die Donbass-Region, wobei zum einen die ukrainische, zum anderen die russische Position im Mittelpunkt steht.

Ein kurzer Ausblick auf Heft 3/2020, das Mitte August erscheinen wird: Unter dem Titel „Nationalhelden – Mythos und Missbrauch“ wird es darum gehen, bedeutende Persönlichkeiten der Geschichte und Gegenwart, die für ihre Nationen zu „Helden“ geworden sind, vorzustellen und einzuordnen. Das Heft wird u. a. Stepan Bandera, Alexander Newski und Jeanne d’Arc, aber auch Mutter Teresa und Greta Thunberg Beiträge widmen.

Christof Dahm

Inhaltsverzeichnis

82
Erinnerungen an Wolfgang Grycz
Friedrich Kronenberg
83
Friede – Unfriede – Krieg
Eberhard Schockenhoff
92
Tschechen und Slowaken 27 Jahre nach einer undramatischen Trennung. Eine Bestandsaufnahme.
Bára Procházková
99
„Hallo Großungarn“ – der Vertrag von Trianon als Fixpunkt ungarischer Nationalisten
Stephan Ozsváth
108
Bosnien und Herzegowina. Schwere Lage und ungewisse Zukunft.
Pero Sudar
115
Polens politische Unruhe
Jerzy Maćków
121
Baltikum: Drei Staaten im Schatten des östlichen Nachbarn
Kai-Olaf Lang
130
Frieden und Kooperation: Das geopolitische Wunder der deutsch-französischen Annäherung
Claire Demesmay
137
Wirksamer Friedensgarant oder passiver Beobachter? Die OSZE in der Region Südkaukasus.
Sopio Koiava und Jana Windwehr
147
Krieg im Donbass: Selenskyjs Friedensoffensive polarisiert die Ukraine
Denis Trubetskoy
153
Kreml: Neue Gesprächsbereitschaft mit Kiew
Gemma Pörzgen

Summary in English

The cover of this issue contains a clear message: „War“ is crossed out, the only direction to move forward is „peace“. As the history of mankind shows, the paths to peace are unfortunately very arduous and are repeatedly hindered by setbacks – war even dominated many eras. Is war, as an often quoted word of the philosopher Heraclitus says, really „the father of all things“? In addition to an introduction that approaches the topic theologically, philosophically and in terms of international law, the issue contains country-specific contributions with examples of social tensions and domestic political conflicts such as Hungary, Poland and Bosnia and Herzegovina. The role of international organizations in the search for lasting peace solutions between hostile nations is also discussed.